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LEAD Innovation Blog

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Datum: 13-Sep-2018
Autor: Michael PUTZ

3 Gründe, warum sich die Zukunft der Wearables schwer einschätzen lässt

 

Vernetzte Elektronik möglichst nahe am eigenen Körper zu tragen, liegt im Trend: Smartwatches, Fitnessbänder und Co. verkaufen sich derzeit fast wie von selbst. Doch wird das künftig auch so sein? Lesen Sie in diesem Blogbeitrag über die Zukunft der Wearables, und warum sich diese so schwer einschätzen lässt.

Ein Wearable ist nichts anderes als ein Computer, der während seiner Benutzung am Körper getragen wird. Streng genommen ist also der Walkman, den Sony bereits im Jahr 1979 auf den Markt gebracht hatte, auch ein Wearable. Hörgeräte oder Herzschrittmacher ressortieren ebenso zu dieser Gruppe.

Doch eigentlich denken wir an andere Geräte, wenn wir von Wearables sprechen. Der Ausdruck lässt uns eher Gadgets wie Fitnessarmbänder, Smart Watches oder auch Schlaf-Tracker, vielleicht gar noch smarte Textilien in den Sinn kommen. Diese Wearables dienen vor allem zum Körper-Monitoring.

 

Die Vernetzung macht Wearables erst wirklich schlau

Das wirklich revolutionäre an den modernen Wearables ist die Vernetzung. Denn Walkman, Hörgerät und Herzschrittmacher sind zwar allesamt Computer. Über eine Anbindung ans Internet verfügen diese Geräte im Allgemeinen aber nicht. So richtig "smart" werden die Wearables erst, wenn sie mit anderen Geräten, einer Anwendung oder gar dem Internet verbunden sind. Gerade diese Produkte erfreuen sich derzeit einer äußerst hohen Beliebtheit. Dem deutschen Digitalverband Bitkom zufolge wuchs der Absatz von Smartwatches im Jahr 2017 auf 1,26 Mio. Stück. Ein Plus von über 27 % gegenüber dem Jahr davor. Die Deutschen sind auch offenbar bereit, für schlaue Uhren immer tiefer in die Tasche zu greifen: Der Umsatz betrug 2017 immerhin 325 Mio. Euro - ein Wachstum von über 44 % gegenüber 2016. Bei Fitness-Trackern zeigt sich ein ähnliches, wenn nicht ganz so starkes Wachstum. Doch sind Smartwatches, Fitness-Tracker und andere Wearables tatsächlich die Megaseller der Zukunft?

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Diese 3 Aspekte macht die Zukunft von Wearables schwer prognostizierbar

Gerade die Option zur Vernetzung, die so viele Möglichkeiten eröffnet, macht es gleichzeitig unmöglich, die Zukunft der Wearables einigermaßen zu prognostizieren. Das hat mehrere Gründe:

1) Die vielen Möglichkeiten von Wearables überraschen negativ wie positiv

Durch die Anbindung ans Internet ergeben sich Potenziale, auf die selbst die Entwickler solcher Lösungen selbst nie gekommen wären. Anhand einer bei aktiven Sportlern sehr beliebten Plattform lässt sich das sehr schön illustrieren. Strava ist eine Anwendung, die ähnlich wie Facebook funktioniert, bei der es aber um sportliche Leistungen geht. Die User können sich hier registrieren, sich untereinander vernetzen und ihre absolvierten Sporteinheiten, wie Läufe, Radtouren, Schwimmeinheiten und dergleichen, posten. Um die Daten über ihre Workouts zu erheben, können die User Sportuhren, Smartwatches oder auch ihre Smartphones nutzen. Meist sind die mit Sensoren verbunden, die die Geschwindigkeit, den Höhenunterschied, die Distanz, die genaue Route aber auch die Herzfrequenz des Sportlers messen. Je nach Art seines Strava-Abos kann der Nutzer auch Strecken definieren und sich dort mit der gesamten Community messen. Der Schnellste eines Abschnitts erhält den Titel "KOM" (King of Mountain), die schnellste Sportlerin darf sich über die Auszeichnung "QOM" (Queen oft Mountain) freuen. Mithilfe einer einfachen Zusatzfunktionalität, können Nutzer das Workout eines Sportlers live miterleben bzw. der Sportler selbst kann während seiner Aktivität seine Leistung mit denen anderer vergleichen. Schon allein diese Basisfunktionen stiften vielerlei Nutzen:

  • Der Vergleich der eigenen Leistungen zeigt den Trainingsfortschritt und dient zur Motivation.
  • Die Möglichkeit, sich mit anderen zu vergleichen, motiviert viele dazu, noch mehr Sport zu betreiben.
  • Nutzer können neue Routen in ihrer unmittelbaren Umgebung entdecken, wenn sie anderen Usern aus ihrer Region folgen.
  • Aus den virtuellen Trainingspartnern auf Strava können auch Sportkameraden fürs echte Leben werden.
  • Wenn ein Sportler einen Unfall hat, dann bemerken dies andere Nutzer (etwa seine Familie) in Echtzeit und können die GPS-Position sehen und schneller Hilfe holen

 

Aus der Fülle an hochgeladenen GPS-Daten generiert Strava auch eine Heatmap. Die zeigt für jede einzelne Sportart jene Routen an, die ganz besonders beliebt oder eben sehr frequentiert sind.

Neben diesen Vorteilen, die die Entwickler von Strava wohl durchaus im Sinn hatten, gibt es aber auch Nachteile, die sie teilweise überrascht haben:

  • Weil auch viele Militärs Strava verwenden und ihre Leistungen posten, war durch die Heatmap-Funktion der Standort von geheimen Militärbasen leicht übers Internet zu finden.
  • Auf der Jagd nach persönlichen Bestzeiten, KOMs oder QOMs neigen Sportler zur Rücksichtslosigkeit. Bei Segmenten, die durch hochfrequentierte Straßen, Fußgängerzonen oder über gefährlichen Abfahrten führen, kann dies schwerwiegende Unfälle verursachen.
  • Manche Nutzer haben ihren Account wieder gelöscht, weil das ständige Schielen nach Bestzeiten ihnen die Freude am Sport genommen hat.
  • Der Wohnort, die Lieblingsstrecken und die sportlichen Rituale eines jeden Einzelnen lassen sich über Strava leicht herausfinden. So avanciert Strava zu einer Art Mini-Spionage-App.
  • Viel Sportler posten auch höchstpersönliche Leistungsdaten wie die Herzfrequenz oder die Wattzahl. Durch einen Vergleich solcher Daten über einen längeren Zeitraum hinweg, könnte man Informationen über die Fitness, die Gesundheit und auch über Erkrankungen eines Users gewinnen.

 

2) User erhoffen sich zu viel von der Nutzung von Wearables

Einer Studie von PricewaterhouseCoopers aus dem Jahr 2015 zufolge erhoffen sich viele User von der Verwendung von Wearables eine Verbesserung ihrer Fitness. Doch um dies zu erreichen, reicht es freilich nicht, die Smartwatch oder das Fitnessband anzulegen. Die sportliche Leistungsfähigkeit erhöht sich nur, wenn man sich tatsächlich sportlich betätigt. Einer Untersuchung von Gartner zufolge nutzt eine nicht gerade kleine Gruppe von Wearables-Käufern in den USA, UK und Australien die Geräte gar nicht. Die PwC-Studie "The Wearable Future" wiederum berichtet etwa davon, dass 33 % der Käufer von Wearables in den USA mit dem Produkt nicht zufrieden waren, weil es ihre Erwartungen nicht erfüllt hat. Der Hintergrund dafür: Viele US-Konsumenten dachten, dass sie durch das Verwenden von Wearables ihren Lebensstil entscheidend verändern können. Als sich diese hohen Erwartungen nicht erfüllten und sich die smarten Geräte nur als besseres Spielzeug entpuppten, waren sie enttäuscht. In Deutschland liegt die Unzufriedenheit über Smartwatch und Co allerdings nur bei 24 %. Das mag daran liegen, dass die Bevölkerung realistischer eingestellt ist, oder der Wearables-Boom hier etwas später eingesetzt hat und die Geräte und Lösungen bereits ausgereifter waren.

 

3) DSGVO beeinflusst die Verbreitung von Wearables

Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die im Mai 2018 in der Europäischen Union in Kraft getreten ist, könnte sehr starken Einfluss auf die Zukunft von Wearables haben. Denn Smartwatches, Fitness-Tracker und andere Geräte erheben Daten, die einem besonderen Schutz unterliegen. Die Entwickler von Apps und Hersteller von Wearables bieten hingegen noch kaum einen ausreichenden Schutz für diese Daten. Die DSGVO könnte die Zukunft der Wearables aber auch noch hinsichtlich eines anderen Aspekts beeinflussen: Die unbestrittene Leistung dieser Regelung ist es, dass viele Personen nun ihren eigenen oder auch fremden Daten einen Wert beimessen und sensibler damit umgehen. Diese gestiegene Wertschätzung gegenüber Daten könnte dazu führen, dass immer mehr Menschen die Verwendung von Wearables meiden, weil sie ihrer Ansicht nach zu wenig Datensicherheit und einen zu geringen Schutz der Privatsphäre bieten. Dass der Markt ein vor dem Launch hochgelobtes und mit Spannung erwartetes Wearable letztendlich überhaupt nicht annimmt, kann durchaus passieren. Denken Sie nur an Google Glass, dessen Träger dann abschätzig als Glassholes bezeichnet wurden. Diese Invention floppte deshalb so spektakulär, weil sich die Allgemeinheit in ihrer Privatsphäre verletzt gefühlt hat.

 

Fazit: 3 Gründe, warum sich die Zukunft der Wearables schwer einschätzen lässt

Derzeit boomt der Absatz von Computern, die uns nicht nur an die Wäsche, sondern sogar an oder gar unter die Haut gehen. Die technische Entwicklung von Wearables steht allerdings erst am Anfang und deren Möglichkeiten sind heute für viele von uns noch gar nicht denkbar. Fest steht, dass Wearables ihre Träger so genau vermissen und tracken, wie dies kein Gerät davor konnte. Das Bewusstsein dafür ist heute noch nicht sehr stark ausgeprägt und Smartwatches, Fitness-Tracker und Co werden mitsamt der dazugehörigen Apps noch recht bedenkenlos genutzt. Die vielkritisierte DSGVO könnte hier aber einen Paradigmenwechsel herbeiführen. Wenn die Mehrheit Wearables als Mittel zum Überwachungszweck empfindet und die Hersteller von Geräten und Anwendungen hier in Zukunft nicht sensibler agieren, könnte es mit der glänzenden Zukunft dieser Innovationen doch nichts werden.

Trendsammlung Textil

Michael PUTZ

Born in the Salzkammergut. After working for Shell and Porsche, he concentrated on innovation management as a study assistant at the Innovation Department of the Vienna University of Economics and Business Administration. In 2003 he founded LEAD Innovation and manages the company as Managing Partner. Lectures at MIT, in front of companies like Google or NASA.

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