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Interview: Warum Vorarlberg der weltweite Hub für Smart Textiles ist

Gestrickte Stromspeicher, textile Implantate, die Herzoperationen den Schrecken nehmen oder gestickte Warnsysteme, die Anwohner:innen und Einsatzkräfte informieren, bevor ein Dach unter zu hoher Schneelast zusammenbricht, all diese Dinge haben eine Gemeinsamkeit.

 

Die Idee, das Konzept, der Prototyp und oft auch das fertige Produkt kommen aus Vorarlberg. Warum das kein Zufall ist, erläutert Günter Grabher, Mitbegründer der Smart Textiles Plattform, der sich mit seiner Grabher Group auch selbst um die Weiterentwicklung des Themas kümmert. 

Lead: Smart Textiles ist ein Schlagwort, das in den Medien nun immer öfter auftaucht. Doch was kann man sich darunter eigentlich genau vorstellen?

Günter Grabher: Der mögliche Anwendungsbereich ist riesig. Ich gebe Ihnen vielleicht ein paar Beispiele von Projekten, mit der sich die Smart Textiles Plattform und ihre Partner:innen beschäftigen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Werner Mohl von der Medizinischen Universität Wien arbeiten wir an einem textilbasierten Implantat, das die Herzchirurgie revolutionieren wird. Mit dem “Mitral Butterfly“ ist es – kurz gesagt – möglich, sehr risikoreiche Operationen am offenen Herzen zu vermeiden. Ein anderes Projekt, bei dem auch die Smart Textiles Platform involviert war, ist das Start-up Texible. Das Unternehmen aus Hohenems hat einen gestrickten Stromspeicher entwickelt und hat im vergangenen Jahr den futurezone Award Start-up des Jahres gewonnen. Das vom Smart-Textiles-Plattform Partner Kapsch entwickelte Projekt „Schneelast“ gewann am 23. Februar 2018 den dritten Platz beim Smart City Dornbirn Wettbewerb. Dank textiler Sensorik ist es möglich, die Schneelast auf Dächern zu messen. Diese Daten werden dann in die Cloud von Kapsch übertragen. Wenn die zulässige Grenze überschritten wird, dann verständigt das System die Anwohner:innen und Einsatzkräfte automatisch. Und es gibt noch viele andere aktuelle Projekte und Anwendungen, die die große Vielfalt an möglichen Anwendungsfeldern von Smart Textiles zeigen. 

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Lead: Das ist wohl auch der Grund dafür, warum Sie bei der weltgrößten Messe für Unterhaltungselektronik, der CES 2018 in Las Vegas, vertreten waren.

Grabher: In diesem Jahr waren die Grabher Group und die Firma SanSirro sowie zwei andere Unternehmen aus Österreich dort vertreten. Wir haben dort ein Smart-Shirt, das Vitaldaten messen kann, präsentiert und sind auf der CES in deren offizielles Video gerutscht. Das Interesse an unserem System war dann entsprechend groß und Österreich erreichte auf der CES den 7. Platz im Ranking der innovativsten Länder. Viele TV-Teams haben die Messe nach österreichischen Projekten durchsucht aber leider nur drei gefunden.

 SanSirro

 

Lead: Sie sind einer der Initiatoren der Smart Textiles Plattform. Welche Ziele hat diese Initiative? 

Grabher: Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen. Die Textilindustrie musste sich schon sehr früh der Globalisierung stellen. Sie war schon immer eine Schwellenindustrie, die dorthin wanderte, wo die Produktionskosten am geringsten waren. Die Textilindustrie in Vorarlberg war deshalb gezwungen, hochautomatisierte Anlagen zu entwerfen. Die Digitalisierung, in der alles vernetzt wird, ist für die Textilindustrie darum auch alles andere als neu. In Vorarlberg gibt es 55 Textilindustrie- und etwa 150 Stickereiunternehmen. 50 Prozent davon sind im technischen Bereich tätig. Diese Zusammensetzung ist weltweit absolut einzigartig und am Standort Vorarlberg versteht man es, Textilien herzustellen. Smart Textiles erfordern aber sehr viel Know-how aus branchenfremden Bereichen wie etwa dem Werkzeugbau oder der Kunststofftechnik. Wenn nun ein Textilunternehmen allein Smart Textiles realisieren will, dann wird das Produkt Schwächen haben, was die Elektronik und Sensorik betrifft. Ein Elektronikunternehmen wird den textilen Part hingegen nicht so gut hinbekommen. Smart Textiles zu entwickeln ist also nur möglich, wenn Unternehmen aus den verschiedenen Bereichen kooperieren. Die Smart Textiles Plattform will diese Branchen nun an einen Tisch bringen, damit diese überhaupt eine gemeinsame Sprache finden können. Denn das ist die Voraussetzung dafür, gemeinsame Projekte zu entwickeln. Kürzlich wurde auch das Textile Competence Center Vorarlberg (tccv) in Dornbirn gegründet. Das Kompetenzzentrum ist eine Einrichtung der Uni Innsbruck und damit natürlich eng mit dem Forschungsinstitut für Textilchemie und Textilphysik verbunden. Die Smart Textiles Plattform, die mit derzeit 60 Mitgliedern die weltweit größte Organisation im Bereich Smart Textiles ist, ist auch Teil dieses Kompetenzzentrums. 

Lead: Und was macht die Smart Textiles Plattform konkret?

Grabher: Die Initiative gibt es nun schon seit 10 Jahren. Diese vorher erwähnte gemeinsame Sprache zu finden war nicht leicht, doch jetzt sind wir mehr oder weniger so weit. Die Plattform stößt Innovationsprozesse an und begleitet diese so lange, bis daraus kooperative Forschungsprojekte werden. In den letzten fünf Jahren konnten wir etwa 10 Millionen Euro an Forschungsgeldern generieren, die für verschieden Projekte verwendet wurden. Die Smart Textiles Plattform sorgt auch dafür, dass die Partnerunternehmen nicht nur auf Textilmessen, sondern auf branchenfremden Messen vertreten sind. So wie etwa auf der bereits zuvor erwähnten CES in Las Vegas. 

Lead: Von Vorarlberg ist es ja weder in die Schweiz noch nach Deutschland besonders weit. Wie sieht es mit grenzüberschreitenden Kooperationen aus?

Grabher: Wir unterhalten eine enge Kooperation mit Bayern Innovativ, Gesellschaft für Innovation, Technologie- und Wissenstransfer in Bayern. Dort haben wir mit textilen Themen begonnen, mittlerweile erstreckt sich die Kooperation auf viele andere Bereiche. Ähnlich eng kooperieren wir mit  Swiss Textiles, dem Fachverband der Textilindustrie in der Schweiz. Wir arbeiten auch mit der Plattform für Digitale Initiativen  aus Dornbirn zusammen, deren Mitglieder hauptsächlich aus der IT kommen. Heuer veranstalten wir mit diesem Verein einen Hackathon mit Schwerpunkt Textilsensorik. Dabei fahren die Teilnehmer:innen 48 Stunden lang mit einem Schiff über den Bodensee und bauen aus einem aus Textilsensorikkomponenten bestehenden Starter-Kit lauffähige Prototypen. 


Lead: Welche Vorteile hat der Standort Vorarlberg bei der Entwicklung von Innovationen aus dem Bereich Textilien? 

Grabher: Vorarlberg ist weltweit die einzige Region, in der die komplette Textilkette vorhanden ist. Genau das ist bei der Entwicklung von Innovationen auch notwendig. Dieses Alleinstellungsmerkmal lockt Expert:innen aus der ganzen Welt nach Vorarlberg. Die Entwickler:innen des Project Jacquard von Google und Levi's haben das Stammmaterial für die smarte Jeansjacke in Vorarlberg gefunden. Ohne Vorarlberg würde auch der Sprachassistent von Amazon, Alexa, nicht so sprechen, wie er es tut. Denn die Technologie für die Akustik kommt auch aus dem Ländle. Mit dem MIT gibt es einen regen Austausch zu diesem Thema. Wenn es um Smart Textiles geht, kommt man an Vorarlberg nicht mehr vorbei. Unternehmen aus aller Welt werben unsere Leute ab. Österreich hat hier international eine absolute Spitzenposition, ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Der Hub für Smart Textiles liegt genau hier. 


Frage: Wie gelang dem Bundesland dieses Kunststück? 

Grabher: Vor 40 Jahren waren 70 Prozent der Arbeitskräfte in der Textilindustrie beschäftigt. Die Globalisierung hat das verändert. Im Rheintal war der Maschinenbau schon immer stark vertreten. Die ersten automatisierten und strombetriebenen Maschinen für die Textilwirtschaft wurden hier konstruiert. Es war naheliegend, dass sich die Textilindustrie dann in der Nähe der Maschinenbau ansiedelt. Diesen technologischen Vorsprung konnte Vorarlberg bis in die Gegenwart halten. Den Aufschwung der Branche hätte man mit einheimischen Arbeitskräften gar nicht bewerkstelligen können. Als das Wachstum der Textilindustrie dann endete, ist die Metallindustrie eingesprungen. Heute arbeiten nur noch fünf Prozent der Vorarlberger Beschäftigten in der Textilwirtschaft. Es gab in Vorarlberg eigentlich nie Probleme mit Arbeitsplätzen. Die großen Player aus dem Maschinenbau und der Metallindustrie wie etwa Doppelmayr oder Blum konnten immer Arbeitskräfte brauchen.


Lead: Zurück zur Textilindustrie. Glauben Sie, dass zunehmend Roboter in der Textilproduktion eingesetzt werden und dass damit die Produktion wieder nach Europa zurückkehrt, weil der Vorteil der niedrigen Produktionskosten damit wegfällt? 

Grabher: In der Textilproduktion lassen sich gewisse Prozesse nur von Hand fertigen. Denn dazu ist Gefühl in den Fingern notwendig und über ein solches verfügen Roboter nicht. Wenn ein Roboter ein Blatt Papier zwischen seinen Fingern hält und Sie daran ziehen, dann merkt er es nicht, weil er es nicht spürt. Ein großer Automobilhersteller hat schon vor zehn Jahren versucht, Lederlenkräder durch Maschinen nähen zu lassen. Dieser Versuch misslang. Es gibt österreichische Textilproduzenten, die versuchen, Roboter bestimmte Prozesse erledigen zu lassen. Aber eine durchgängige Produktion ist nicht möglich. Vielmehr ist es so, dass Roboter für die Textilwirtschaft einen neuen Markt eröffnet haben. 


Lead: Wie meinen Sie das jetzt konkret?

Grabher: Ein Roboter hat nach wie vor das Problem, in einem Käfig, also einem abgeschlossenen Raum, arbeiten zu müssen. Denn eine direkte Zusammenarbeit mit Menschen, eine Produktion Hand in Hand sozusagen, ist unmöglich. Denn ein Roboter kann mit einer Kollision mit einem Menschen nichts anfangen. Smart Textiles Plattform entwickelt nun gemeinsam mit der TU Wien Maßanzüge für Roboter, in der eine Drucksensorik integriert ist. Damit würde ein Roboter die Kollision mit einem Menschen über seine „Haut“ spüren. Ziel des Projektes ist es jedenfalls, die Gehege für Roboter zu eliminieren. 

Danke für das Gespräch!

 

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Anna Kirchmair

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