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Datum: 04-Apr-2019

Warum die süßen Jahre für die Lebensmittelindustrie nun enden

 

Zucker ist ungesund, kann abhängig machen und versteckt sich in Lebensmitteln, von denen es niemand vermuten würde. Weil die Bevölkerung immer dicker und ungesünder wird, wächst der Druck auf die Lebensmittelindustrie, den Verbrauch des weißen Goldes einzuschränken. In Ländern, die strenge Kennzeichnungen und Steuern eingeführt haben, kommt die Bevölkerung nun mit weniger Zucker aus.

Zucker, genauer gesagt Haushaltszucker (Saccharose) hat mit Alkohol und Nikotin zwei Gemeinsamkeiten: Der übermäßige Konsum ist ungesund und kann zu einem suchttypischen Verhalten führen. Unter Ernährungswissenschaftern steht mittlerweile außer Streit: Wer zu viel Zucker zu sich nimmt, steigert nicht nur das Risiko, Herzkreislauferkrankungen wie Bluthochdruck, Schlaganfälle und Herzinfarkte zu erleiden. Auch die Diabetes-Wahrscheinlichkeit nimmt zu. Laut WHO gehen etwa 35 Millionen Todesfälle weltweit jährlich auf das Konto von Zucker. Außerdem: Zucker macht dick. Wie eine vom deutschen Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung 2019 publizierte Studie berichtet, haben 47 Prozent der Frauen, 62 Prozent der Männer und 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen Übergewicht. Und: Seit 2016 leben auf der Erde mehr Über- als Untergewichtige. Alles in allem alarmierende Fakten, für die viele Experten den Zucker verantwortlich machen.

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Die "Droge" Zucker versteckt sich auch im Essiggurkerl

Während Tabak und Alkohol zwei Genussmittel sind, die der Konsument größtenteils bewusst zu sich nimmt, verhält sich das bei Zucker völlig anders. Denn selbst kritische Konsumenten wundern sich oft darüber, in welchen Speisen dieser Stoff überall enthalten ist. Im sauren Essiggurkerl etwa. Wer würde auch vermuten, dass sich in einem fertig verpackten Krautsalat 16 Stück Würfelzucker befinden? Auf den ersten Blick unverdächtige Convenience-Produkte wie Fertig-Lasagne, Tiefkühlpizza oder Dosengulasch tragen zu einer Überversorgung mit Zucker bei. Ein Test des deutschen Senders ARD bewies, wie leicht der Verbraucher in die Zuckerfalle tappen kann: Ein Redakteur ernährte sich einen Tag lang von Fertiggerichten und Convenience Food wie etwa Cappuccino aus Pulver, Müsli, Pizza, Salat mit Fertigdressing und verzehrte dabei keine Süßspeisen. Das Ergebnis: Die Testperson hatte am Ende des Tages 103 Gramm Zucker zu sich genommen. Das ist mehr als das Vierfache der Menge, die die Weltgesundheitsorganisation als Tagesration empfiehlt.

 

Die Lebensmittelkennzeichnung ist für Konsumenten kaum verständlich

Selbst wenn der Tester die Angaben auf den Verpackungen genau gelesen hätte, wäre er dem in den Nahrungsmittel enthaltenen Zucker ohne profunde Chemiekenntnisse nicht auf die Spur gekommen. Insgesamt kursieren 70, teils unverdächtige Namen wie "Gerstenmalzextrakt" als Begriffe für Zucker. Sogar Babynahrung bleibt vor der Beimengung von Zucker nicht verschont. Einige Produkte bestehen bis zu einem Viertel aus Zucker. Die deutsche Landwirtschafts- und Ernährungsministerin Julia Klöckner zeigte sich kürzlich verwundert, dass Babynahrung überhaupt noch Zucker enthält und betonte: "Drei Monate alte Babys brauchen doch keine Süßung für den Geschmack." Wenn Kinder aber schon so früh an den süßen Geschmack gewöhnt werden, dann wollen sie auch später nicht darauf verzichten. Zucker macht sehr schnell abhängig und ist eine Droge. Freilich nicht offiziell, sonst müsste man sie ja verbieten. In Deutschland will Klöckner erreichen, dass künftig zumindest in der Babynahrung kein Zucker mehr enthalten ist.

 

Ernährungswissenschafter warnt schon in den 70ern vor "tödlichem Zucker"

Dass Zucker schädlich ist, ist eigentlich schon seit den 70er-Jahren bekannt. 1972 warnte der englische Ernährungsexperte John Yudkin in seinem Buch "Pure, White and Deadly" vor den süßen Gefahren. Eine Allianz aus anderen Ernährungswissenschaftern und der Lebensmittelindustrie schafften es aber, Yudkins Forschung zu diskreditieren und dem Fett die alleinige Schuld an der damals schon ungesund anwachsenden Körperfülle der Weltbevölkerung zuzuschreiben. Erst Jahrzehnte später entdeckte der New Yorker Kinderarzt und Adipositas-Experte Robert Lustig die Forschung des mittlerweile verstorbenen Yudkins. Lustig macht die Erforschung der Gefahren von Zucker auch wieder salonfähig: Sein eineinhalb Stunden dauernder Vortrag "Zucker: Die bittere Wahrheit" aus dem Jahr 2009 verzeichnet auf YouTube bisher mehr als 8 Millionen Aufrufe.

 

Mit Zucker lassen sich Lebensmittel günstig produzieren

Noch heute versucht die Ernährungsindustrie die schädlichen Auswirkungen des Zuckerkonsums zu verschleiern oder herunterzuspielen. Denn sie hätte viel zu verlieren, wenn die Menschheit ihren Verbrauch reduziert. Im Erntejahr 2017/2018 wurden weltweit 194 Millionen Zucker produziert - so viel wie von keinem anderen organischen Einzelstoff weltweit. Mit Produkten, die mit viel Zucker hergestellt werden, lassen sich auch höhere Profite erzielen als mit gesünderen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse oder Wasser, wie ein Experte von Foodwatch in einem Interview mit dem TV-Sender 3Sat bemerkte. Die Margen könnten in Zukunft sogar noch weiter steigen, denn die Preise für den Rohstoff Zucker sind derzeit im Sinken begriffen. Seit Herbst 2017 gibt es in der EU keine Zuckerquote mehr, die den Herstellern bestimmte Mindestpreise garantierte. Seither wird sowohl innerhalb aber auch außerhalb der EU mehr Zucker produziert  und das drückt den Preis. Es ist also kein Wunder, dass die Lebensmittelindustrie dieses lukrative Geschäft nicht verlieren will und sich gegen Maßnahmen wie eine bessere Kennzeichnung oder gar eine Steuer auf Zucker wehrt.

 

Chile feiert mit strenger Kennzeichnungspflicht Erfolge

Einige Länder wenden dennoch schon drastische Maßnahmen an, um den Zuckerverbrauch der Einwohner zu senken. Chile sticht dabei mit einem strengen Lebensmittelkennzeichnungsgesetz hervor, das seit 2016 gilt. Enthält ein verpacktes Lebensmittel mehr als 10 Gramm Zucker pro 100 Gramm Gewicht, prangt auf der Vorderseite ein unübersehbares Warnzeichen "Viel Zucker". Ähnliches gilt etwa für Salz, Kalorien oder gesättigte Fettsäuren. Auf Basis dieser klaren, für jeden verständlichen Kennzeichnung, schränkte die chilenische Regierung auch den Verkauf und die Werbung für bestimmte Lebensmittel ein. Produkte mit "viel Zucker" dürfen etwa an Schulen nicht mehr verkauft werden. Wie die deutsche Wochenzeitung Die Zeit berichtet, zeigt das Lebensmittelkennzeichnungsgesetz bereits Wirkung: Der Verkauf von Schokolade ist in Chile stark zurückgegangen. Die Lebensmittelhersteller versuchen wiederum, mit weniger Zucker, Salz, gesättigten Fettsäuren und Kalorien das Auslangen zu finden. Die Produkte sollen um alles in der Welt unter den Grenzwerten, und so von der Kennzeichnungspflicht verschont bleiben. Bei der Bevölkerung kommt die klare Kennzeichnung der Lebensmittel jedenfalls gut an: 77 Prozent der Chilenen befürworten die Regelung.

 

Steuern auf Softdrinks sind gut für die Gesundheit

Andere Länder versuchen, über die Steuerschraube die Lebensmittelhersteller und auch die Bevölkerung dazu zu bringen, die Zuckerverbrauch zu drosseln. Großbritannien hebt seit etwa einem Jahr eine Strafsteuer auf zuckerhaltige Getränke ein. Schon vor der Einführung haben einige Hersteller den Zuckergehalt ihrer Produkte reduziert. Coca-Cola senkte etwa den Zuckergehalt der Marken Fanta und Sprite für den britischen Markt von 6,9 auf 4,6 beziehungsweise von 6,6 auf 3,3 Gramm pro 100 Milliliter. Regelungen wie im Vereinten Königreich gibt es übrigens schon in Ungarn, Frankreich, Mexiko und den skandinavischen Ländern. Dass die Nachfrage nach zuckerreichen oder auch anderen ungesunden Nahrungs- und Genussmitteln sinkt, wenn über Steuern deren Preise steigen, beweist die Auswertung von etwa 300 Studien aus 13 Ländern. Auch der US-Bundesstaat Alaska reglementiert den Verbrauch von Zucker äußerst streng. Der Kauf sowie die Lagerung von größeren Mengen davon ist schlichtweg verboten. Allerdings hat diese Regel andere Gründe: Seitdem viele Gemeinden den Besitz, Verkauf oder Import von Alkohol verboten haben, stellen viele diese Droge mithilfe von Germ, Fruchtsäften und Zucker einfach selbst her.

 

In Österreich soll freiwillige Lebensmittelampel kommen

Auf eine klare, verpflichtende Kennzeichnung von Lebensmitteln, so wie dies in Chile schon Usus ist, wird man in Deutschland und auch in Österreich noch warten müssen. Ein freiwilliges Kennzeichnungssystem, das in einer fünfstufigen Farbskala von dunkelgrün bis dunkelrot den Zuckergehalt kennzeichnet, will Danone heuer in Österreich schrittweise einführen. Gegenüber dem Kurier erläutert der Danone-Geschäftsführer für Österreich, Schweiz und Slowenien, Karim Chaouch: "Die Kennzeichnung macht den Nährwert eines Produktes auf einen Blick erkennbar." Mit Transparenz wolle Danone den Konsumenten eine Entscheidungsmöglichkeit geben. Auch andere Lebensmittelhersteller sind sich durchaus bewusst, dass an der Reduktion von Zucker wohl künftig kein Weg vorbeiführen wird. NÖM (Milchprodukte) und Radlberger (Soft Drinks) reduzieren seit Jahren die Zuckermenge in ihren Produkten. Und der Lebensmittelhändler REWE senkt den Zuckergehalt in vielen Produkten seiner Eigenmarken ebenfalls.

 

Fazit: Warum die süßen Jahre für die Lebensmittelindustrie nun enden

Zu viel Zucker macht krank und dick. Einige Lebensmittelhersteller wollen dies zumindest offiziell noch nicht wahrhaben. Doch die Ergebnisse immer mehrerer Studien zu diesem Thema lassen keinen Zweifel zu. Einige Ländern zwingen Produzenten bereits per Kennzeichnung und Steuern dazu, den Einsatz des günstigen Rohstoffes Zucker einzuschränken. Die Maßnahmen zeigen durchaus Erfolg. Langfristig wird die Lebensmittelindustrie also mit weniger Zucker auskommen müssen. Die lange unter den Teppich gekehrte Wahrheit über die vom Zucker ausgehende Gesundheitsgefahr wird aber auch dazu führen, dass der Konsument eine klare, für ihn verständliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe verlangt. Denn wer will nicht wissen, was genau er seinem Körper zuführt?

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Gerhard BERTHOLD

Born in Vienna. At LEAD Innovation he works as Innovation Manager.

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