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LEAD Innovation Blog

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Datum: 12-Sep-2018
Autor: Michael PUTZ

Mit Pharmakogenetik schneller zum wirkungsvollen Medikament

 

50 österreichische Bürger sterben jährlich an Nebenwirkungen von Arzneien. Markus Paulmichl erläutert im Interview, wie ein Patient dank Pharmakogenetik schneller zu Medikamenten kommt, die helfen, ohne Nebenwirkungen zu verursachen. Der Vorstand des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg verrät auch, wie jeder von uns Pharmakogenetik heute nutzen kann und warum Innovationen in der Medizin so wichtig sind.

 

Wie wichtig ist Innovation in der Medizin?

Markus Paulmichl: Es gibt kaum einen Bereich, in dem es so klar ist, dass wir Innovationen brauchen, wie in der Medizin. Medikamente sind dazu da, einen fehlgeleiteten Regelkreis zu sanieren, indem es bestimmte Targetstrukturen anpeilt. Alle Wirkstoffe, die weltweit im Handel erhältlich sind, können insgesamt 350 solcher Targets ansprechen. Es existieren aber 100.000 bis 200.000 solcher Targets, die man ansprechen könnte, um zu heilen. Sie sehen also, dass wir in der Pharmakologie noch ganz am Beginn stehen. Ja, wir haben ein großes Spektrum an Medikamenten zur Verfügung, aber es gibt eben noch ein riesiges Potenzial an zukünftigen Medikamenten. Daher: Es gibt kaum ein Gebiet wie die Medizin, in dem Innovationen so wichtig sind, zum Wohle der Patienten.

 

Wodurch wird die Innovationstätigkeit gehemmt?

Paulmichl: Ein großer Innovationskiller sind die Generika. Das sind Medikamente, für die der Patentschutz abgelaufen ist. Weil dieses Präparat nun andere Firmen herstellen dürfen, sinkt der Preis der Medikamente. Darum ist der Ruf sehr stark, mehr Generika zu verschreiben, um das Gesundheitssystem finanziell zu entlasten. Das ist im Prinzip auch richtig so, denn viele dieser Generika haben eine tolle Wirkung. Ein neues Medikament zu entwickeln, ist sehr kostspielig. Im Schnitt vergehen zirka 900 Millionen bis 1 Milliarde Euro. Und ich sage bewusst „vergehen“, weil die Entwicklung von innovativen Medikamenten nicht nur sehr viel Geld, sondern auch viel Zeit kostet. Diese Kosten müssen dann auch verdient werden. So gesehen hemmt ein platter Ruf nach Generika die Entwicklung neuer Medikamente und damit die Innovation in einem wichtigen Bereich der Medizin.

Trendsammlung Medizin

 

In vielen Bereichen spielen Startups eine wichtige Rolle. In der Medizin auch? In Österreich gibt es etwa das Diabetes-Service MySugar, das von Diabetikern gegründet wurde.

Paulmichl: Innovation hat immer etwas mit Wandel zu tun. Dabei tun sich Kleinere viel leichter als Große. Insofern sind Startups die einzige Möglichkeit, um Innovationen in signifikantem Ausmaß entwickeln zu können. Wir brauchen also auch in der Medizin Startups. Die Bedürfnisse, die der Markt und Patienten haben, werden von verschiedenen Personen wahrgenommen - von Medizinern wie Nicht-Medizinern. Wenn bestimmte Bereiche von Nicht-Medizinern abgebildet werden können, dann ist das wunderbar. Allerdings nicht, wenn dadurch eine Trivialisierung erfolgt, das heißt, der Patient glaubt, er könne sich ausreichend im Internet und auf Plattformen informieren und müsse so keinen Arzt mehr aufsuchen. Konsumenten wie Patienten sind heute viel aufmerksamer und informierter. Dadurch entsteht mehr Druck auf das System und es eröffnen sich neue Möglichkeiten für Startups.

 

Sie selbst beschäftigen sich als Vorstand des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Medizinischen Privatuniversität Paracelsus mit Standorten in Salzburg und Nürnberg mit Pharmakogenetik. Was kann man sich als Laie darunter vorstellen? 

Paulmichl: Sie selbst werden sicher Bekannte oder Familienmitglieder haben, bei denen Medikamente nicht so wirken, wie sie müssten. Der Patient leidet unter Nebenwirkungen, die über ein normales Ausmaß hinausgehen. Oder aber, der Patient baut das Medikament zu schnell ab - es wirkt also nicht. Der Grund dafür sind genetische Veränderungen oder Defekte, die die Wirkung der Medikamente beeinflussen. Pharmakogenetik ist die Kombination von „Pharma“ und „Genetik“ und hilft dabei herauszufinden, welche Medikamente ein Patient verträgt und welche nicht.

 

Welchen Nutzen zieht der Patient aus der Anwendung der Pharmakogenetik? 

Paulmichl: Die Lösungsmöglichkeiten ziehen sich quer durch den pharmakologischen Gemüsegarten - angefangen von der Psychiatrie und der Onkologie über den Kardiovaskulären Bereich bis hin zur der Urologie und der Gastroenterologie. Man kann gleich zu Beginn herausfinden, welche Therapie bzw. welches Medikament und welche Dosierung die richtige ist. Wenn Sie zum Arzt gehen, dann hören Sie oft den Satz. „Na, jetzt probieren wir das einmal und dann sehen wir weiter.“ Genau dieses Probieren hört sich dank Pharmakogenetik auf. Der Patient kann viel früher mit der richtigen Therapie beginnen. In Österreich leben etwa acht Millionen Bürger. 50 davon sterben jährlich an Nebenwirkungen von Arzneien. Die können kein anderes Medikament mehr „probieren“, weil es zu spät ist.

 

Birgt Pharmakogenetik Vorteile für das Gesundheitssystem?

Paulmichl: Jeder Patient, der nicht gesund ist, generiert Kosten. Durch die fehlende Kenntnis der individuellen Medikamenten-Unterverträglichkeit müssen wir in Österreich allein für die Bekämpfung von Nebenwirkungen jährlich etwa 900 Millionen Euro ausgeben. Hinter dieser Summe steht aber auch persönliches Leid. Nehmen Sie einen Patienten, der an Depressionen leidet, als Beispiel. Wenn es acht Monate dauert, um das richtige Medikament zu finden, das bei ihm nicht wirkt, dann ist er acht Monate lang nicht optimal versorgt und leidet. Mit Pharmakogenetik käme dieser Patient viel schneller zu einer Therapie, die ihm wirklich hilft.

 

Pharmakogenetik ist also ein großer Schritt in Richtung personalisierter Medizin …

Paulmichl: Das genetische Kostüm eines Menschen ist das Fundament für jede personalisierte Medizin. Es gibt nichts Persönlicheres als die persönliche genetische Ausstattung. Auf andere individuelle Parameter wie Nierenfunktion, Größe, Gewicht und Konstitution des Patienten muss der Arzt immer schon achten. Das persönliche genetische Kostüm wurde bis jetzt nicht berücksichtigt. Doch geeignete Medikamente in der geeigneten Dosierung ohne „probieren“ zu verschreiben, ist nur mithilfe der Pharmakogenetik möglich.

 

Frage: Ist personalisierte Medizin ein Ausdruck, der beim Patienten Ängste auslöst? 

Paulmichl: Nein, ganz im Gegenteil. Die Notwendigkeit einer Personalisierung bei der Medikamentengabe leuchtet jedem Patienten ein. Der Patient ist es, der eine Verschreibung haben will, die so persönlich wie möglich ist. Der Druck, Pharmakogenetik in der alltäglichen Praxis anzuwenden, kommt sehr stark vom Patienten. Da es sich um eine medizinische Disziplin handelt, wissen wenige Ärzte wie hilfreich ihnen eine pharmakogenetische Analyse für eine präzise Therapie sein könnte. Anfängliche Berührungsängste können schon bei einem ersten Informationsgespräch geklärt werden. Dann sind die Ärzte im Allgemeinen sehr froh, dass der Patient mit dieser Analyse auf sie zukam.

 

Wie kann ich als Patient Pharmakogenetik nutzen?

Paulmichl: Der Arzt nimmt Ihnen Blut ab und sendet dieses an unser Labor, wo wir unsere pharmakogenetische Analyse und die Befundung durchführen und dem Arzt für das Patientengespräch zurücksenden. Dieser Test muss nur ein einziges Mal gemacht werden, da sich Ihr genetisches Profil im Laufe Ihres Lebens nicht verändert. Für 1.800 Euro wissen Sie somit bei jeder zukünftigen Medikamentenverschreibung die für Sie ideale Dosierung, um die gewünschte Wirksamkeit der Medikamente schnellstmöglich zu erreichen und Nebenwirkungen zu minimieren.

 

Inwieweit ist die Pharmakogenetik bereits in der Praxis angekommen?

Paulmichl: Noch viel zu wenig! Kein Wunder, handelt es sich doch um eine echte Innovation in der Medizin. Die Implementierung hat schon vor einiger Zeit begonnen, läuft allerdings zögerlich. Die breite Masse an Ärzten, Krankenanstalten und Kliniken, aber auch Krankenversicherern und Krankenkassen beginnt erst, den Wert von Pharmakogenetik zu erkennen.

  

Gibt es qualitative Unterschiede bei pharmakogenetischen Analysen?

Paulmichl: Wir ermitteln das genetische Kostüm, das schon ab der Befruchtung der Eizelle der Mutter fest steht und sich bis zum Tod nicht mehr verändert. Daher muss diese Untersuchung umfassend und qualitativ hochwertig sein. Viele Labors erfüllen diese hohen Qualitätskriterien allerdings nicht und unterschätzen die Komplexität dieser Untersuchung. Das hat die Europäische Arzneimittelbehörde EMA zum Anlass genommen, eine neue Richtlinie zu erstellen, an der ich mitwirken konnte. Dieses Regelwerk stellt sicher, dass in der Zukunft die Qualität der Analytik deutlich höher wird.

 

Haben Sie eine Vision, wie die Nutzung von Pharmakogenetik im medizinischen Alltag aussehen könnte?

Paulmichl: Man könnte den genetischen Fingerabdruck bereits im Mutter-Kind-Pass vermerken, denn das genetische Kostüm ändert sich nicht mehr. Diese Daten würden somit ein Leben lang zur Verfügung stehen, wann immer man sie für eine Therapie braucht. Wir sollten uns davon verabschieden – so wie bisher - Nebenwirkungen zu diagnostizieren und dann zu heilen. Präventive Maßnahmen, wie eine Analyse des genetischen Kostüms, helfen dem Patienten, schneller zu Medikamenten zu kommen, die ihm wirklich helfen und unnötiges Leid verhindern. Es wäre zu wünschen, wenn dies durch die Krankenkasse jedem zur Verfügung stünde.

 

Eine letzte Frage noch: Inwieweit lassen sich Medikamente personalisieren?

Paulmichl: Wenn die einzelnen Wirkstoffe als individuelle Medikamente erhältlich sind, kann - basierend auf eine qualitativ hochwertige Pharmakogenetische Analyse - die ideale Kombination für einen bestimmten Patienten ermittelt und dann auch verschrieben werden. Die Individualisierung des Medikaments gewährleistet damit der verschreibende Arzt und weniger die Pharmazeutischen Unternehmen.

 

Ad Personam:

Paulmichl.jpgUniv.-Prof. Dr. Markus Paulmichl ist Vorstand des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Im Jahr 2008 gründete er dort die „Helga and Erich Kellerhals Laboratories for novel Therapeutics“ und 2011 das Zentrum für Pharmakogenetik und Pharmakogenomik. Seit 2013 ist Paulmichl Vize-Vorstand des Arbeitskreises für Pharmakogenomik der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA. Paulmichl studierte Medizin an der MedUni Innsbruck und arbeitete Anfang der 1990er Jahre zwei Jahre lang am Pharmakogenomik Institut von Richard Weinshilboum an der Mayo Clinic, USA.

 
Trendsammlung Medizin
Michael PUTZ

Born in the Salzkammergut. After working for Shell and Porsche, he concentrated on innovation management as a study assistant at the Innovation Department of the Vienna University of Economics and Business Administration. In 2003 he founded LEAD Innovation and manages the company as Managing Partner. Lectures at MIT, in front of companies like Google or NASA.

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