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LEAD Innovation Blog

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Datum: 10-Okt-2018
Autor: Michael PUTZ

Wie ein Brite nachhaltige Möbel züchtet, anstatt sie zu produzieren

 

Der britische Designer Gavin Munro baut auf seiner Farm Stühle, Lampen und Tische an. Möbel direkt aus Bäumen wachsen zu lassen mag zunächst verrückt erscheinen. Die Methode hat aber viele weitere Vorteile gegenüber der konventionellen Produktionsweise. Welche das sind und warum Munros Modell auch Vorbild für die Massenproduktion sein kann, lesen Sie in diesem Blogbeitrag.

Der Ausdruck „Nachhaltigkeit“ generiert bei Google derzeit etwa 16,7 Millionen Treffer. Bei vielen von uns verursacht das Wort jedoch schon Gänsehaut. Die Verwendung des Kurzbegriffs für das ressourcenschonende und auf die natürlich Regenerationsfähigkeit fokussierte Handlungsprinzip ist schon mehr als inflationär. Nachhaltigkeit ist zu einer Worthülse geworden, die sich über jedes Produkt, jede Dienstleistung oder jedes Geschäftsmodell auf eine mehr und oft auch weniger glaubwürdige Art und Weise überstülpen lässt.

 

Nachhaltig zu leben ist in einer europäischen Industrienation unmöglich

Was tatsächlich „nachhaltig handeln“ bedeutet, ist indes für uns schwer zu verstehen. Wie auch: Als Bewohner einer Industrienation sind wir es eben alle gewohnt, mehr Ressourcen zu verbrauchen, als uns zur Verfügung stehen. Würden alle Menschen einen so verschwenderischen Lebensstil wie die Europäer haben, wären etwa 3 Planeten in der Qualität der Erde notwendig.

Als Europäer von heute auf morgen ökologisch ausgeglichen zu leben würde aber bedeuten, sich so schnell wie möglich völlig aus dem Alltag verabschieden zu müssen. Doch wer will und kann das schon? Dieser Gedanke ist unvorstellbar und deshalb hoffen viele von uns, dass es entweder nicht so schlimm kommen wird oder verleugnen die Auswirkungen der eigenen Lebensweise überhaupt ganz - so wie etwa der Präsident der USA.

Case Study Geschäftsmodellinnovation

 

Neue Perspektiven zeigen nachhaltige Alternativen

Wege aus dem Ressourcendilemma gibt es aber. Um sie zu entdecken, ist ein Wechsel der Betrachtungsweise notwendig. Eine solche neue Perspektive gewährt das Geschäftsmodell des britischen Designers Gavin Munro: Er betreibt in der englischen Grafschaft Derbyshire eine Plantage, auf der er Möbel anbaut. Aus Weiden, Platanen, Eichen oder auch Obstbäumen entstehen Stühle, Tische oder Lampenschirme. „I’m a chair farmer“, beschreibt er gegenüber einem Magazin seine Profession etwas bescheiden. Doch eigentlich will er mit seinem Startup Full Grown zeigen, wie sich Produktion völlig anders definieren lässt.

 

Wie man Bäume in Form bringt

In kurzen Worten funktioniert die Herstellung von Möbeln in Munros Betrieb so: Mittels Formen aus (recycletem) Plastik und Draht bringt der Designer den Baum in die Form eines Möbelstückes. Einen Stuhl beispielsweise lässt der Unternehmen so wachsen, indem seine Füße in den Himmel ragen. Ist der Sessel reif, wird er geerntet und entsprechend in Form gebracht. Die Flächen, mit der der Benutzer in Berührung kommt, werden geschliffen und poliert - und fertig ist das Einzelstück. Schrauben oder Leim braucht Munro dafür nicht.

 

Auf den ersten Blick scheint diese Produktionsmethode nicht geeignet für die Massenproduktion zu sein und geht an den Bedürfnissen der Kunden vorbei. Doch das ist nur korrekt, wenn man das Geschäftsmodell aus der sehr engen, uns gewohnten, Perspektive betrachtet. Denn schon eine etwas detaillierte Betrachtung offenbart Aspekte, die das Business-Model durchaus konkurrenzfähig erscheinen lassen. Und noch dazu interessante Erkenntnisse für das eigene Business offeriert. 

  1. Um ein Möbelstück herzustellen, benötigt Munro etwa sechs bis acht Jahre. Im Vergleich zu einem Produkt aus dem Möbelhaus, das innerhalb kurzer Zeit produziert und auch gleich flach verpackt ist, erscheint dies schon sehr lange. Allerdings: Auch Möbelproduzenten benötigen Holz - und das wächst eben nicht innerhalb von Minuten, sondern braucht eben auch Jahre. Aus einer ganzheitlichen Perspektive ist Munro sogar schneller als Ikea und Co. Denn bei Full Grown wächst der Rohstoff am Ort der Weiterverarbeitung, während Möbelhersteller die Zutaten für ihre Produkte erst herbeischaffen müssen.
  2. Um konventionelle Möbelproduzenten mit Holz zu versorgen, ist die Rodung von Wäldern notwendig. Freilich entsteht auf diesen Flächen oft ein neuer Forst - doch das dauert eben wieder seine Zeit. Full Grown muss zwar auch Holz ernten. Der Betrieb belässt den Strunk samt der Wurzeln aber im Boden. Denn nach der ersten Ernte wachsen aus dem Stock bessere und stärkere Äste. Die Ernte macht die Pflanze also nicht kaputt, so wie dies bei der konventionellen Holzproduktion der Fall ist. Vielmehr machen sie die Rohstoffquelle noch ergiebiger.
  3. Weil bei Munro alles an Ort und Stelle wächst und weiterverarbeitet wird, die Quelle des wichtigsten Rohstoffs auch nicht zerstört wird, belastet die Produktion das Klima etwa nur ein Viertel so stark wie die eines herkömmlichen Möbelstücks.
  4. Jedes produzierende Gewerbe steht vor der Herausforderung, den steigenden Bedarf an individuellen Stücken zu befriedigen. Dank der Digitalisierung ist es bereits einigen Betrieben gelungen, Einzelstücke in Masse herzustellen. Bei Munro sorgt die Natur für die individuelle Note. Denn kein Möbelstück gleicht hier dem anderen. Full Grown kann sogar auf Kundenwünsche eingehen - freilich nur innerhalb der Grenzen, die die Natur vorgibt.
  5. Etwa 7.000 Euro verlang Munro für einen Full-Grown-Sessel. Dieser Preis ist knapp 352 mal so hoch wie jener von Ikeas „Ivar“ - einem Sessel aus massiver Kiefer. Dieser doch erhebliche Unterschied mag einen Nachteil für die eigenen Finanzen haben. Aus ganzheitlicher Sicht ergibt sich dadurch aber ein unschlagbaren Vorteil. Weil sie so teuer sind, werden Munros Möbel erheblich länger genutzt werden, als beispielsweise Ikea-Produkte. Auf einem Full-Grown-Sessel werden wohl ganze Generationen hintereinander Platz nehmen. Das Material hat jedenfalls das Potenzial dazu. Möbel aus Holz können mehrere Jahrhunderte, ja sogar  Jahrtausende alt werden: So fand man in einem etwa 3400 Jahre alten ägyptischen Grab noch Reste von Möbelstücken aus Holz.

 

Schon eingedenk dieser 5 Aspekte erscheint die Unternehmung des britischen Designers gar nicht mehr so sonderbar und realitätsfremd, wie auf den ersten Blick. Munro und sein Team sind jedenfalls optimistisch und haben bereits ganz konkrete Pläne bis zum Jahr 2031. Ihr Ziel ist es nämlich, künftig auch Möbelstücke auf Lager zu produzieren. Bisher ist es lediglich möglich, Produkte vorzubestellen. Also: Wenn Sie heute einen Sessel im Online-Shop der Firma bestellen, dann bekommen Sie ihn im Jahr 2024 geliefert. Wahrscheinlich. Er könnte aber auch schon 2023 oder erst 2026 fertig sein. Denn so genau lässt sich Mutter Natur dann auch nicht „programmieren“.

 

Fazit: Wie ein Brite nachhaltige Möbel züchtet, anstatt sie zu produzieren

Die Idee, Möbel und Einrichtungsgegenstände wachsen zu lassen, anstatt sie aus totem Holz zusammenzubauen, ist nicht ganz neu. So hat der Banker und Bauer John Krubsack bereits 1903 Bäume gepflanzt, um sie zu Stühlen heranreifen zu lassen. Eine bis dato unerreichte Präzision in der Kunst des Baumformens erreichte Axel Erlandson aus Kalifornien. Der Landwirt in den 50er-Jahren pflanzte gar einen „Tree Circus“, der allerdings ökonomisch kein Erfolg wurde. Sein Geheimnis, Gewächs derart präzise zu formen, nahm Erlandson leider mit ins Grab. Munro musste also für seine Möbelproduktion eine lange Trial-and-Error-Phase absolvieren. Der Designer ist allerdings der erste, der das Wachsen von Möbeln massentauglich machen will und auch auf dem besten Weg dazu ist. Ob dies gelingt, wird die Zukunft zeigen. Doch schon bereits jetzt bietet die Produktionsweise interessante Aspekte, die im Sinne der Nachhaltigkeit auch das eigene Business bereichern können.

Die 4 Phasen der LEAD User Methode

Michael PUTZ

Born in the Salzkammergut. After working for Shell and Porsche, he concentrated on innovation management as a study assistant at the Innovation Department of the Vienna University of Economics and Business Administration. In 2003 he founded LEAD Innovation and manages the company as Managing Partner. Lectures at MIT, in front of companies like Google or NASA.

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