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LEAD Innovation Blog

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Datum: 13-Sep-2018
Autor: Michael PUTZ

Human Centered Design: So öffnen Sie Türen zu mehr Usability

 

Viele Dinge des Alltag sind so konzipiert, dass der Mensch zuerst die Technik dahinter verstehen muss, um sie bedienen zu können. Gerade bei Türen ist es äußerst ärgerlich, wenn sie sich nicht intuitiv funktionieren. Lesen Sie in diesem Blogbeitrag, wie sich durch Human Centered Design so alle Gegenstände und damit auch Türen so gestalten lassen, dass sie keinerlei Bedienungsanleitung bedürfen.

Das erste wirklich Date mit der Tinder-Bekanntschaft. Er ist furchtbar nervös und leider zu spät dran. Sie wartet schon im frequentiertesten Café der Stadt - gleich zwei Tische hinter dem Eingang. Er sieht sie schon durchs die Glasfront, sie ihn auch, beide lächeln, er stürmt auf die Eingangstür aus Glas, will sie aufdrücken - und knallt mit voller Wucht dagegen. Das kleine Messing-Schild „ziehen“ hat der Kavalier im Eifer des Gefechts leider übersehen - und nun versucht er mit blutiger Nase und ein paar roten Flecken auf seinem blütenweißen Hemdkragen bei der potenziellen Dame seines Herzens einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Die schadenfrohen Blicke der übrigen Gäste versucht er so gut es geht zu ignorieren.

 

Auch Dinge können Schuld tragen

Mag das Zuspätkommen des jungen Mannes vielleicht unverzeihlich sein - an seinem peinlichen Unfall ist aber die Eingangstüre bzw. dessen Konstrukteur schuld. Auch wenn er die Bedienungsanleitung in Messing genau dort angebracht hat, wo man sie sehen sollte. Türen, die sich nur so öffnen lassen, wie man es nicht erwartet, sorgen an vielen Plätzen für Ärger - in Gebäuden ebenso wie in Zügen oder auch Autos. Die beste Tür ist aber immer noch jene, die der Benutzer gar nicht bewusst wahrnimmt.

Eine optimale Lösung bieten etwa Hotels der obersten Preisklasse. Dort öffnen Hoteldiener in schicken Livree und grüßen obendrein. Solche Luxuslösungen sind leider nicht massentauglich und deshalb gibt es auf dieser Welt viele, viele Türen, die wirklich nerven. Bekannt sind diese Ärgernisse auch als „Norman-Doors“. Der Patron dieser Bezeichnung ist Donald Arthur Norman, ein Universitätsprofessor aus Kalifornien, der mit dem Buch „The Design of Everyday Things“ einen Bestseller zum Thema Usability geschrieben hat. Eine der Hauptaussagen dieses Werkes lautet sinngemäß:

Menschen beschuldigen sich oft selbst, wenn sie Gegenstände falsch bedienen. Es ist aber nicht der Fehler des Benutzers, sondern der Mangel in intuitiver Führung, die im Design vorhanden sein sollte.

 

Das Design liefert Bedienungsanleitung gleich mit

Eine benutzerfreundliche Eingangstüre eines Cafés könnte also folgendermaßen aus: Sie lässt sich nach innen öffnen. Eine schlichte Metallplatte statt eines Griffs signalisiert dies dem Benutzer auf einen Blick - denn er kann sie gar nicht aufziehen. Der Griff ist auf der Innenseite der Türe angebracht und dient auch gleichzeitig dazu, dass etwa der Kavalier aus unserem Beispiel der Damen die Türe beim Verlassen des Etablissements aufhalten kann - so wie es der Knigge lehrt. Das Türeaufhalten beim Betreten ist hingegen unnötig: In unserem Kulturkreis betritt der Herr ein Lokal zuerst, um die Damen vor möglichen Gefahren zu schützen.

Trendsammlung Fenster & Türen

 

Gutes Design muss in den Kulturkreis passen

In Italien hingegen müssen userfreundliche Lokaltüren einer völlig anderen Logik folgen: Hier hält der Herr der Damen die Türe auf, weil man zuerst ihr die Aufmerksamkeit der Anwesenden zukommen lassen möchte. Human Centered Design ist also in hohem Maße vom Kulturkreis abhängig - das klingt zwar ungemein logisch, wird aber oft übersehen. Die Autohersteller, die es gewohnt sind, global zu agieren, treten hier regelmäßig in teuer Fettnäpfchen - und das schon bei so einfachen Dingen wie Produktnamen: So wusste man bei Fiat etwa nicht, dass „Uno“ auf finnisch Trottel heißt und Mitsubishi musst seinen Geländewagen „Pajero“ im spanischen Sprachraum in „Montero“ umtaufen. Denn ersteres war ein derber Ausdruck für eine recht einsame Art männlicher Sexualität. Human Centered Design fängt also schon bei der Namensgebung an.

 

Human Centered Design folgt einer Norm

Angesichts der vielen nervigen Türen, die uns umgeben und auch den vielen anderen Alltagsgegenständen, bei denen man zuerst den “Nippel durch die Lasche” ziehen muss, überrascht es, dass das Konzept Human Centered Design aus den 1990er-Jahren stammt. Es gibt auch eine ISO-Norm, die die Vorgangsweise bei Human Centered Design bei interaktiven Systemen (Türen gehören hier dazu) definiert. Am Beispiel der Eingangstüre für das Café aus unserem Beispiel würde der Prozess wie folgt aussehen:

  1. Verstehen des Nutzungskontextes
    Während der Öffnungszeiten durchschreiten viele Personen diese Türe. Die Gäste wollen auch nach draußen auf den Vorplatz und in den Gastgarten des Hauses blicken. Ist das Café zu, sollen Passanten einen Blick in das Lokal werfen können, um Lust auf einen Besuch bekommen.
  2. Festlegen der Anforderungen
    Die Tür soll während der Öffnungszeiten nicht bemerkbar sein. Der Betreiber des Café hat ein hohes Interesse daran, dass viele Gäste kommen - das Eintreten soll also recht niederschwellig möglich sein. Außerdem soll die Verbindung zwischen dem Innen- und Außenbereich des Cafés direkt und nicht unterbrochen sein. Ist das Etablissement geschlossen, soll die Türe ungebetene Gäste draußen halten, aber dennoch Blicke von Draußen zulassen.
  3. Entwurf von Gestaltungslösungen
    Es bietet sich eine bruchsichere Glastüre an: Sie ist fast unsichtbar und erlaubt den Blick nach drinnen und draußen. Bruchsicher soll das Material wegen des Einbruchschutzes sein - aber auch bei einer “Fehlbedienung” mit angeschlossener Kollision zwischen dem Kopf eines Gastes und der Glasfront sollte sie nicht bersten. Um solchen Unfällen vorzubeugen ist auf der Außenseite der Tür kein Griff und keine Schnalle, sondern lediglich eine Metallplatte inklusive Zylinderschloss angebracht. Innen erleichtert ein großer Griff das Aufziehen und -halten der Türe. Sie sollte auch in beiden Richtungen zu öffnen sein - also von Innen eine Pull-Push-Lösung bieten. Denn ein Kellner der mit vollem Serviertablett eine Türe aufziehen muss, wird sich bald nach einer neuen Stelle umsehen.
  4. Evaluieren der Lösung
    Die Gäste des Cafés sind selbst die besten Betatester. Und der Wirt kann seine neu intelligente Eingangstüre mit einer witzigen Aktion “einweihen”. Jeder Gast, der doch des intelligenten Designs gegen das Glas rennt, bekommt ein Schnapserl (oder ein alkoholfreies Äquivalent) gegen die Schmerzen.

 

Design Thinking ist Human Centered Design in einem etwas neuen Kleid

Schwer anzuwenden ist Human Centered Design wie man sieht also nicht. Das Konzept ist gottlob auch nicht in Vergessenheit geraten. Obwohl man das bei den vielen Alltagsgegenständen, die nerven, glauben könnte. Als “Design Thinking” feiert es gerade wieder ein Comeback - wenn auch in etwas veränderter Form. Der Design Thinking Prozess besteht nämlich aus 6 Phasen: 

  1. Verstehen
  2. Beobachten
  3. Sichtweise definieren
  4. Ideenfindung
  5. Prototypen entwickeln
  6. Testen 

Es gibt auch noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen den beiden Konzepten. Das Ziel von Human Centered Design ist es, eine möglichst hohe User Experience oder Usability zu erzielen. Durch Design Thinking hingegen will man innovative und kreative Lösungen für komplexe Probleme entwickeln, die den Nutzer zufrieden stellen, technisch machbar und wirtschaftlich tragfähig sind. Die beste Lösung für das Café aus unserem Beispiel wäre aus der Perspektive von Human Centered Design ja eigentlich ein Türsteher - denn angenehmer lässt sich ein Lokal wohl nicht betreten oder auch wieder verlassen. Und die flinken Servierkräfte würden sich auch freuen, wenn ihnen jemand die Tür aufhält. Der Design Thinking Ansatz ergäbe aber sicherlich die bruchsichere Glastüre - allerdings nur aus wirtschaftlichen Überlegungen.

 

Fazit: Human Centered Design: So öffnen Sie Türen zu mehr Usability 

Wir alle gehen durch viele Türen durchs Leben. Es ist also erstaunlich, wie viele davon ein wirklich schlechtes und userunfreundliches Design aufweisen. Das mag daran liegen, dass die Entwickler auf die Funktion “Aussperren” immer mehr Wert gelegt haben als auf die Funktion “Durchschreiten”. Türen sind also Hürden, die uns alle in unserer Dynamik bremsen. Selbst wenn uns eine Türe, die in genau die andere Richtung aufgeht als man denkt, einen Moment der Stille und inneren Einkehr bescheren mag: Mit diesen “Normen-Doors” kommen wir alle nicht so weit, wie wir kommen könnten. Und das ist sehr bedauerlich.

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Michael PUTZ

Born in the Salzkammergut. After working for Shell and Porsche, he concentrated on innovation management as a study assistant at the Innovation Department of the Vienna University of Economics and Business Administration. In 2003 he founded LEAD Innovation and manages the company as Managing Partner. Lectures at MIT, in front of companies like Google or NASA.

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