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LEAD Innovation Blog

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Datum: 25-Jul-2019
Autor: Michael PUTZ
Thema: Automotive

Warum Carsharing die Autohersteller disrupiert

 

Nutzen statt besitzen und leihen statt kaufen ist in der Industrie schon Gang und Gäbe. Nun erfasst diese Entwicklung das private Investitionsgut Auto und auch viele andere Fortbewegungsmittel. Die etablierten Fahrzeughersteller haben auf Carsharing bisher kaum reagiert, obwohl der Trend gewaltiges Disruptionspotenzial in sich birgt.

In vielen Wirtschaftssektoren ist es üblich, dass sich mehrere Hersteller die Ressourcen von teuren Maschinen teilen. Spätestens seitdem die Getreideernte mit einer Sichel nicht mehr wirtschaftlich war, schlossen sich mehrere Landwirte in einem Maschinenring zusammen, um sich gemeinsam einen Mähdrescher anzuschaffen und zu nutzen. Selbst konkurrierende Hersteller teilen sich mitunter Kapazitäten, um günstiger produzieren zu können: So waren etwa die beliebten Family-Vans VW-Sharan und Ford Galaxy lange Jahre hindurch mehr oder weniger baugleich.

Innovations-Check

 

Hohe Kosten für ein Gerät, das den Großteil seiner Lebensdauer unbenutzt steht

Wirtschaftlich betrachtet ist der Kauf eines privaten PKWs äußerst unklug: Die Investitionskosten sind hoch. Dazu kommen noch weitere Belastungen wie Service, Wartung, Versicherungen, Steuern und Treibstoff. Dies alles für eine Anlage, die 23 von den 24 Stunden eines Tages still steht und selbst dann noch Kosten wie Parkgebühren oder Garagenmiete verursachen kann. Diese Nachteile nimmt aber eine überwiegende Mehrheit aus zwei Gründen in Kauf:

1) Ein eigenes Auto steht immer dann zur Verfügung, wenn der Nutzer es braucht. Außerhalb der Städte ist das private KFZ oft auch das einzig komfortabel zu nutzende Verkehrsmittel und somit für viele alternativlos.

2) Der PKW ist Statussymbol und ein Mittel, um seine Persönlichkeit gegenüber der Öffentlichkeit auszudrücken.

Diese Argumente verlieren aber immer mehr an Gewicht: Jüngere Käuferschichten, besonders aus dem urbanen Bereich, betrachten das Auto immer weniger als Statussymbol. Die Urbanisierung nimmt weiter zu. In den Städten stehen viele andere und immer wieder neue Mobilitätsalternativen zur Verfügung. Sie sind oft nicht nur schneller als das private Auto, sondern auch kostengünstiger und einfacher zu nutzen.

 

In Wien explodiert die Zahl der Mobilitätskonzepte

Die zweitgrößte deutschsprachige Stadt, nach Berlin, also Wien, hat gerade innerhalb der letzten Jahren sehr viele neue Fortbewegungsmittel gesehen: Faltbare Roller oder auch Segways und Hoverboards werden schon längst nicht mehr bloß als Spielzeuge, sondern auch zum Vorankommen genutzt. Lastenfahrräder bekamen zeitweise sogar eine Förderung von der Stadt. Einige der neuen aber auch der etablierten Fortbewegungsmittel muss der Nutzer nicht selbst kaufen, sondern kann sie ausborgen:

  • Derzeit durchfluten die E-Scooter von sechs verschiedenen Anbietern die Straßen der Donaumetropole. Ob sich die kleinen Flitzer als ernstzunehmende Mobilitätsalternative durchsetzen können, steht allerdings noch nicht fest.
  • Leihfahrräder schätzen sowohl Wiener als auch Touristen bereits seit mehr als 15 Jahren. Das System Citybike Wien funktioniert auch heute noch und bietet etwa 1.500 Fahrräder mit unbequemen, aber dafür wartungsarmen Vollgummireifen an. Die Seestadt Aspern - Wien größtes Stadtentwicklungsgebiet - verfügt über ein eigenes Leihradsystem, das auch Cargo-Bikes anbietet. Zwei Anbieter aus Asien sorgten mit ihren Leih-Fahrradflotten indes nicht nur für einen Mobilitätsgewinn, sondern auch für Ärger: Die qualitativ eher minderwertigen Billig-Leihräder wurden zu oft Opfer von Vandalen und avancierten zum Sperrmüll, der den öffentlichen Raum überflutete.
  • Die Fahrzeuge von Carsharing-Anbietern wie etwa Drive Now oder Car2Go sind indes schon viele Jahre ein fixer Bestandteil von Wiens Stadtbild. Die beiden Anbieter sind gerade dabei, zu einem gemeinsamen Unternehmen namens Share Now zu fusionieren.
  • Mit Benzin oder mit Strom betriebene Scooter oder Mopeds lassen sich in Wien ebenso sehr einfach ausborgen. Mo2Drive etwa bietet eine breite Palette an verschiedenen Rollern an und GoUrban  offeriert E-Mopeds.

 

Autohersteller ignorieren die Sharing-Economy

Geteilte Mobilität kann mit Hilfe der Digitalisierung gerade eine noch nie dagewesene Vielfalt entwickeln. Doch eigentlich stehen Carsharing und Co. erst ganz am Anfang. Indiz dafür ist etwa, dass noch kein Hersteller Fahrzeuge im Angebot hat, die dezidiert auf die Anforderungen des Verleihens ausgerichtet sind. Besonders drastisch zeigt sich dies etwa bei den Leih-Scootern. Die sind nach durchschnittlich 3 Monaten unbrauchbar. Doch auch Automobile sind derzeit nicht auf eine lange Lebensdauer ausgelegt. Damit wollen sich die Hersteller den Absatz in der Zukunft sichern. Dass man auch Fahrzeuge bauen kann, die fast ewig halten, beweisen die englischen Taxis - die Black Cabs. Doch die geplante Obsoleszenz ist keine Spezialität der Autoindustrie. Öffentlich bekannt wurde diese Strategie durch das Aufdecken des Phoebuskartells in den 20er-Jahren. Damals verpflichteten sich Glühbirnenhersteller, dass ihre Produkte nicht mehr als 1.000 Stunden leuchten durften. Von einer "Standardisierung der Lebensdauer" sprach man damals. Dass Glühbirnen durchaus länger funktionieren, beweist dieses Exemplar, das man via Webcam beobachten kann: Seit dem Jahr 1901 leuchtet die Birne. Die im Jahr 1990 gestartete Übertragung ins Internet wurde bisher dreimal unterbrochen, weil die Webcam kaputt ging.

 

Geteilte Mobilität verlangt nach langlebigen Produkten

Ob Glühbirne oder Automobil, geplante Obsoleszenz ist in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle spielt, ein wenig zukunftsträchtiges Konzept. Wenn der Nutzer das Produkt nicht mehr kaufen, sondern nur noch verwenden will, ist es sogar für den Anbieter ökonomisch sinnlos, in seine Produkte ein Ablaufdatum einzubauen. Bei "Mobility as a Service" oder auch "Transport as a Service" können die Anbieter ihre Erträge dann maximieren, wenn die Fahrzeuge lange halten und so wenig Service und Wartung wie möglich brauchen. Dass sie durch ihre lange Lebensdauer nicht mehr dem Stand der modernen Technik entsprechen, lässt sich durch Remanufacturing oder Refabrikation verhindern. Darunter versteht man das Aufarbeiten von gebrauchten Produkten, die danach wieder den modernen Standards hinsichtlich Qualität und Technik entsprechen.

 

Autonomes Fahren hebt Carsharing auf eine neue Stufe

Obwohl viele Autohersteller selbst oder auch gemeinsam mit Partnern Carsharing anbieten, ist dieser Trend in ihren Produktionshallen noch nicht so richtig angekommen. Eine neue Technologie, in der die etablierten Player ebenfalls nicht die Führungsrolle für sich beanspruchen können, könnte die Attraktivität der geteilten Mobilität noch sprunghaft erhöhen. Während viele Autohersteller das autonome Fahren bzw. die verschiedenen Stufen davon erst auf Teststrecken weiterentwickeln, verfeinert Tesla diese Technologie schon seit Jahren im Alltagsbetrieb. Jeder einzelne Wagen sammelt bei jeder Fahrt mithilfe von eingebauten Kameras und Sensoren Daten, die das autonome Fahren besser und sicherer machen. Völlig autonom agierende Fahrzeuge können das Nutzen von Carsharing-Angeboten noch einfacher machen. Die Autos sind immer genau dann und dort zu Stelle, wo sie gebraucht werden und bringen den Fahrgast selbständig zum seinem Ziel. 

 

Mit Carsharing den Kaufpreis des eigenen Autos verdienen

Aber diese bequeme Funktion ist nur ein Vorteil, den Carsharing in Kombination mit autonomen Fahrzeugen stiften kann: Tesla hat angekündigt, im nächsten Jahr Robotertaxis auf den Markt bringen zu wollen. Diese Innovation, die Dienste wie Uber eher blass aussehen lassen, wird nicht nur die Taxibranche stark verändern. Mittels einer App kann nämlich jeder Tesla-Besitzer sein eigenes Fahrzeug in einem Ride-Sharing-Netzwerk zur Verfügung stellen. Carsharing wird dadurch zu einem guten Geschäft für jeden Tesla-Besitzer. Denn nach Angaben von Elon Musk könnte man damit etwa 30.000 US-Dollar jährlich verdienen. Zum Hintergrund: Der günstigste Tesla kostet derzeit etwa 35.000 US-Dollar. Die Carsharing-Töchter der Autohersteller könnten also schon bald Konkurrenz von einem Schwarm an Tesla-Besitzern bekommen.

 

 

Fazit: Warum Carsharing die Autohersteller disrupieren wird

Immer mehr Konsumenten finden Gefallen daran, teure Investitionsgüter nur mehr zu nutzen, statt sie zu besitzen. Autohersteller werden in Zukunft immer weniger am Verkauf ihrer Produkte verdienen, sondern müssen ihre Umsätze mit „Mobility as a Service“- oder „Transport as a Service“-Angeboten generieren. Die Sharing-Economy verlangt aber nach völlig anderen Produkten: Diese müssen langlebig und wartungsarm sein, damit der Anbieter seine Gewinne maximieren kann. Die Automobile der Gegenwart sind eher das Gegenteil davon. Durch neue Technologien, wie das autonome Fahren, könnte Carsharing einen neuen Boom erleben. Etablierte Hersteller hinken dieser Technologie und neuen Anbietern wie Tesla hinterher. Dessen für Ende des Jahres angekündigte Robotertaxis könnten sich auch als Einkommensquelle für Fahrzeugbesitzer etablieren und für enormen Konkurrenzdruck in der Carsharing-Branche sorgen.

Innovations-Check

Bildquelle: Titelbild: https://pixabay.com/de/photos/carsharing-mietwagen-auto-kfz-1436203/

Michael PUTZ

Born in the Salzkammergut. After working for Shell and Porsche, he concentrated on innovation management as a study assistant at the Innovation Department of the Vienna University of Economics and Business Administration. In 2003 he founded LEAD Innovation and manages the company as Managing Partner. Lectures at MIT, in front of companies like Google or NASA.

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