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LEAD Innovation Blog

4 Gründe, warum es die Nachhaltigkeit in der Textilbranche so schwer hat

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Nachhaltig zu konsumieren, liegt immer mehr Menschen am Herzen. Dieser Trend ist beim Kauf von Kleidung allerdings noch kaum zu bemerken. Lesen Sie in diesem Blogbeitrag, warum sich die Textilbranche in Sachen Nachhaltigkeit so schwer tut.

Wo kommt die Ware her? Wie ist sie hergestellt worden? Wie kann ich sie entsorgen? Immer mehr Menschen in den westlich entwickelten Industrienationen stellen sich diese oder ähnliche Fragen. Nachhaltig zu konsumieren liegt besonders der Generation Y am Herzen. „Konsumieren ist das neue Cholesterin“, meint der Trendforscher und Anthropologe Rony Rodrigues und ergänzt: „Millenials fühlen sich schuldig, wenn sie gedankenlos konsumieren.“

 

Offene Information wird zum Wettbewerbsvorteil

Wie eine Studie belegt, informiert sich die überwiegende Mehrheit (87 Prozent) der deutschen Konsumenten vor dem Kauf über die Herkunft und die Herstellung eines Produktes. Unternehmen und Marken, die darüber offen informieren, haben also einen Wettbewerbsvorteil. Bei einigen Warengruppen, wie etwa Elektronik oder auch Lebensmittel, sind die Konsumenten mit dem Informationsangebot schon recht zufrieden. Bei Kosmetika, Lederwaren, Textilien und Bekleidung fühlen sich die Verbraucher indes besonders schlecht informiert.

 

Ein Unglück führte die tatsächlichen Produktionsbedingungen vor Augen

Unter welchen Umständen Textilkonzerne tatsächlich fertigen lassen, wurde der Weltöffentlichkeit am 24. April 2013 schlagartig klar. An diesem Tag forderte der Einsturz des Rana Plaza in Dhaka (Bangladesh) 1135 Menschenleben. In dem achtgeschossigen Gebäude waren gleich mehrere Kleiderfabriken untergebracht. 29 bekannte Marken (etwa Kik, Mango und Benetton) haben ihre Produkte auch dort produzieren lassen. Faire Produktionsbedingungen und transparente Lieferketten waren danach die Forderungen der Stunde. Den vielen Worten folgten auch einige Taten, um nachhaltige Produktionsbedingungen in der Textilwirtschaft zu etablieren: 

 

Bündnis zur Verbesserung der Lieferkette

In Deutschland rief etwa das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung das Textilbündnis ins Leben. Diese Multistakeholder-Initiative mit derzeit etwa 185 Vertretern aus Regierung, Wirtschaft, NGOs, Gewerkschaften und Standardorganisationen, will die Arbeits- und Lebensbedingungen in der Textilindustrie in Niedriglohnländern verbessern. Mit dabei sind auch namhafte Textilmarken, angefangen von Adidas bis Vaude. Selbst Diskonter wie Primark oder Aldi sind an Board. Sie alle haben sich unter anderem dazu verpflichtet, ab dem Jahr 2018 ihre Maßnahmen zur sozialen, ökologischen und ökonomischen Verbesserung der gesamten Textil-Lieferkette zu veröffentlichen.

 

Aktivisten fragen nach der Herkunft der Kleidung

Eine andere direkte Antwort auf das Unglück war die Gründung der Fashion Revolution. Diese Initiative fordert Konsumenten in 90 Ländern rund um den Jahrestag des Unglücks auf, ihre Kleidung verkehrt herum zu tragen und Fotos davon unter dem Hashtag #Whomademyclothes in den sozialen Medien zu posten. Außerdem sollen die Aktivisten Modeketten per Mail, Twitter oder Facebook befragen, woher die Kleidung in ihrem Sortiment eigentlich stammt. An der Fashion Revolution 2017 beteiligten sich weltweit immerhin 2 Millionen Menschen.

 

4 Gründe, warum Nachhaltigkeit in der Textilbranche fast keine Rolle spielt

Der Erfolg dieser und anderer Initiativen ist erfreulich, täuscht aber über die realen Verhältnisse hinweg. Tatsache ist, dass Nachhaltigkeit in der Textilbranche eine Randerscheinung ist und möglicherweise auch noch viele Jahre lang bleiben wird. Dies hat mehrere Gründe:

 

1) Der Konsument fragt kaum nachhaltige Kleidung nach

Nach Schätzungen des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie (textil + mode) liegt der Anteil an nachhaltiger Mode am Gesamtumsatz bei etwa 2 Prozent. Laut einer Greenpeace-Studie achten Jugendliche beim Kauf von Kleidung vor allem auf Design, Marke und einen niedrigen Preis. Kirsten Brodde, Textil-Expertin von Greenpeace, meint angesichts der Ergebnisse: „Mode ist zum Wegwerfprodukt geworden - wie eine Plastiktüte.“ 40 Prozent des Inhaltes deutscher Kleiderschränke wird einer anderen Untersuchung zufolge kaum getragen.

 

2) Viele Hersteller befeuern den Trend zur Fast Fashion

Viele Textilunternehmen kopieren Laufstegmodelle und Modetrends innerhalb kürzester Zeit und bieten sie zu äußerst günstigen Preisen an. Zudem steigt die Zahl an Kollektionen pro Jahr an. Sechs bis acht neue Kollektionen sind mittlerweile die Regel. Dieser Trend zur Fast Fashion führt dazu, dass die Konsumenten immer mehr Textilien kaufen. Jeder Deutsche kauft durchschnittlich 60 neue Teile pro Jahr. Diese müssen möglichst billig sein und sind deshalb häufig aus günstigen Fasern wie Polyester hergestellt. Die verstärkte Nachfrage nach diesem Erdölprodukt befeuert den Klimawandel zusätzlich.

 

3) Die Herstellung von Textilien ist hochkomplex

Nachhaltigkeit betrifft alle Stationen im Lebenszyklus eines Kleidungsstücks. Das beginnt bei der Gewinnung der Rohstoffe für das Garn und endet bei der Entsorgung. Es ist heute nahezu unmöglich, nachzuweisen, dass bei allen Stationen entsprechende Sozial- und Umweltstandards auch eingehalten werden. Eine Kampagne der Fashion Revolution aus dem Jahr 2015 zeigt, wie groß dieses Problem ist: Dabei konnte jede zweite Modemarke die Fabriken nicht finden, in denen sie ihre Produkte fertigen lässt. Drei von vier Labels wussten nicht, woher ihre Stoffe stammen. Über die Herkunft der Rohstoffe für die Kleidungsstücke konnten gar nur 10 Prozent eine Antwort geben.

 

4) Die Vielfalt an Gütesiegel verwirrt den Konsumenten

Von unabhängigen Instituten ausgestellte Gütesiegel könnten kritischen Käufer zumindest die Möglichkeit geben, sich bewusst für ein nachhaltig hergestelltes und gehandeltes Produkt zu entscheiden. Doch die Textilbranche steht derzeit vor dem Problem, das die Nahrungsmittelindustrie in den Anfangszeiten des Bio-Booms hatte: Zu viele Siegel, die die Einhaltung von völlig unterschiedlichen Richtlinien garantieren sollen, verwirren den Konsumenten. So garantiert etwa der Responsible Wool Standard die verantwortungsvolle Schafzucht. Der OEKO-TEX®-Standard 100 soll den Träger vor Schadstoffen in den Produkten schützen. Mit dem C&A Bio Cotton Label garantiert das Unternehmen C&A, dass das Kleidungsstück aus 100 Prozent reiner Biobaumwolle gefertigt ist, die wiederum nach dem OCS (Organic Content Standard) oder GOTS (Global Organic Textile Standard) zertifiziert ist. Bei der Fülle an Siegeln können selbst geduldige Konsumenten die Übersicht verlieren. Sie wollen ja schließlich nur wissen, ob sie einen nachhaltigen Kauf tätigen oder eben nicht. Zur besseren Orientierung gibt es aber schon Portale wie Siegelklarheit, die wiederum die einzelnen Gütesiegel bewerten.

 

Fazit: 4 Gründe, warum es die Nachhaltigkeit in der Textilbranche so schwer hat

Der Druck auf die Textilbranche, nachhaltig zu agieren, steigt. Denn Klimaabkommen und die Öffentlichkeit machen Druck, Sozial- und Umweltstandards einzuführen und einzuhalten. Damit nachhaltig produzierte und gehandelte Produkte aber tatsächlich einen nennenswerten Marktanteil erreichen, gibt es noch viele Hürden zu überwinden. Denn noch hat es der Konsument ob der schlechten Information und der Flut an Gütesiegeln sehr schwer, sich beim Kleiderkauf bewusst für Nachhaltigkeit zu entscheiden. Andererseits ist der Wille, beim Kleiderkonsum nachhaltig zu agieren, kaum ausgeprägt. Besonders junge Konsumenten wollen möglichst billig, dafür aber viele Textilien kaufen. Insgesamt befindet sich die Textilbranche also erst am Beginn eines langen Weges. Möglicherweise kann sie dabei von anderen Branchen, wie etwa der Lebensmittelindustrie, etwas lernen.

Trendsammlung Textil

Topics: Textil Innovationen