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LEAD Innovation Blog

Lesen Sie hier unsere neuesten Beiträge über Innovationsmanagement und Innovationen verschiedenster Branchen.

Datum: 27-Dez-2018
Autor: Daniel ZAPFL

Medizinprodukte: Der Tod der Vergütungsregelung in Deutschland

 

Die Nachfrage für Medizinprodukte ist in Deutschland vergleichsweise gering, nicht zuletzt aufgrund chronischer Unterfinanzierung des Gesundheitswesens und eines von Experten auf rund 25 bis 30 Milliarden Euro bezifferten Investitionsstaus in den Krankenhäusern und Arztpraxen. Wo die deutsche Medizintechnik-Branche aktuell steht und was in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Herausfordernde Rahmenbedingungen in Deutschland

Die Entwicklung im deutschen Markt hat sich 2018 mit einem Umsatzwachstum von 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zwar verbessert, die Gewinnsituation der MedTech-Unternehmen ist in Deutschland aufgrund sinkender Preise und höherer Kosten aber weiterhin angespannt. International tätige MedTech-Unternehmen wachsen im Ausland deutlich stärker als in Deutschland. Höhere regulatorische Anforderungen an Marktzugang und Erstattung, sinkende Krankenkassenleistungen sowie Veränderungen im Klinikmarkt sind starke Einflussfaktoren dieser Entwicklung.

Trendsammlung Medizin

 

bvmed-herbstumfrage-2018-umsatzentwicklung

 

1. Regulatorische Anforderungen für Medizinprodukte

Gestiegene Anforderungen und die steigenden Kosten durch die neue EU-Medizinprodukte-Verordnung (MDR) sowie Engpässe bei den Zertifizierungsstellen hemmen die Entwicklung der Medizintechnologie-Branche.

Für innovative Medizinprodukte die Zulassung und Erstattungsfähigkeit zu erreichen, stellt aufgrund der starken Regulierung eine große Herausforderung dar. MedTech-Unternehmen befürchten, dass Europa gegenüber den USA an Boden verliert. Denn während Innovationen in Deutschland immer langsamer ihren Weg zum Patienten finden, beschleunigt die Zulassungsbehörde FDA in den USA die Prozesse. Die aktuelle Situation verdeutlicht die Herbstumfrage 2018 des Bundesverband Medizintechnologie (BVMed):

  • 81 Prozent bezeichnen die zusätzlichen Anforderungen durch die MDR als größtes Hemmnis für die künftige Entwicklung der Medizintechnologie-Branche. Dabei geht es vor allem um die Pflicht zu umfassenden klinischen Daten (60 Prozent) und um längere Zulassungszeiten durch Ressourcendefizite bei den Zulassungsstellen (55 Prozent).
  • 89 Prozent der Mitgliedsunternehmen rechnen als Folge der MDR-Implementierung mit steigenden Preisen für Hersteller und Vertriebsunternehmen – und damit auch mit einer Erhöhung der Produktpreise.
  • 64 Prozent befürchten, dass Produkte aus ökonomischen Gründen vom Markt genommen bzw. nicht auf den Markt gebracht werden. 58 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass dabei der Druck insbesondere auf kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) steigen wird. 
  • Schwächen des Standorts Deutschland sehen die Unternehmen vor allem beim Erstattungsniveau (Preise) und der Forschungsförderung.
  • Als große Hemmnisse der nationalen Rahmenbedingungen werden nach wie vor der Preisdruck durch Einkaufsgemeinschaften (55 Prozent) sowie innovationsfeindliche Einstellungen von Krankenkassen (45 Prozent) bezeichnet. Es folgen die Absenkung sachkostenintensiver DRG-Fallpauschalen (37 Prozent), Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich (27 Prozent), die MedTech-Nutzenbewertungsverfahren nach § 137h (26 Prozent) sowie zu langsame Entscheidungen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (23 Prozent). 

 

bvmed-herbstumfrage-2018-hemmnisse-mdr

Die starke Regulierung wirkt sich laut einer Studie der Jobplattform „Joblift“ auch auf deutsche Healthcare-Startups aus, die um 6 Prozent schwächer gewachsen sind als der restliche Gesundheitssektor (+ 25 Prozent). Ein Blick auf europäische Nachbarn unterstützt die Ergebnisse der Studie: In Frankreich entstanden 2017 um 25 Prozent mehr Jobs in Healthcare Start-ups als hierzulande, in Großbritannien mehr als doppelt so viele.

 

2. Sinkende Krankenkassenleistungen 

Den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland geht es im Grunde genommen gut. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten sie einen Überschuss von 3,15 Milliarden Euro. Die Reserve wuchs auf einen Rekord von 19,2 Milliarden Euro. Vor diesem Hintergrund ist es oftmals nicht nachvollziehbar, warum medizinisch notwendige und sinnvolle Leistungen zunehmend nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt werden. Immer häufiger werden Kosten nur von einer Zusatzversicherung übernommen oder müssen vom Patienten selbst getragen werden. Hinzu kommt die generelle Absenkung der Vergütung von Leistungen mit hohem technischen Leistungsanteil sowie die pauschale Kürzung der Sachkosten.

 

3. Veränderungen im Klinikmarkt

Die Anzahl öffentlicher Kliniken nimmt laufend ab, während die Anzahl privater Kliniken stetig zunimmt. Absatzprobleme für Medizinprodukte ergeben sich außerdem durch den Trend zu Gemeinschaftspraxen und neuen Versorgungsformen wie Medizinische Versorgungszentren sowie durch Fusionen von Krankenhäusern. Weiters steigen die Serviceerwartungen der Kliniken, ebenso wie der Anspruch des Patienten an Qualität und Innovationscharakter der Behandlung.

 

Patientenerstattung rückt immer mehr in den Fokus

In Anbetracht der Rahmenbedingungen zeichnet sich ab, dass Patienten in Zukunft viele Leistungen privat bezahlen müssen. Bei neuen Produkten und Verfahren aus der Medizintechnologie muss daher die Möglichkeit der Selbstzahlung durch Patienten statt der Vergütung durch die Krankenkassen eine stärkere Rolle spielen. Medizinprodukte und Dienstleistungen müssen auf neuen Wegen im deutschen Gesundheitsmarkt etabliert werden und für den privat zahlenden Patienten leistbar sein. Damit werden für MedTech-Unternehmen neue Geschäftsmodelle erforderlich, die diesen Aspekt berücksichtigen.

 

Produktinnovation ist nicht mehr ausreichend

Zahlreiche MedTech-Unternehmen setzen vor allem auf Produktinnovationen, wobei 70 Prozent der neuen Produkte die Gewinnerwartungen nicht erfüllen. Eine reine Produktinnovation ist oftmals nicht mehr ausreichend, da ein verbessertes Produkt für den Kunden kaum noch einen relevanten Mehrwert darstellt. Krankenhäuser stehen selbst unter einem starken wirtschaftlichen Druck und geben diesen weiter.

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Geschäftsmodelle entwickelt werden, welche die Bedürfnisse der Kunden wieder verstärkt adressieren. Insbesondere integrierte Service-Modelle werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Das MedTech-Unternehmen muss sich „vom reinen Produktlieferanten zum Lösungsanbieter“ wandeln. Dabei geht es in Hinblick auf Servicelösungen vor allem um einen „Mehrwert“ für den Kunden durch Prozessverbesserungen sowie um einen individuellen Mehrwert für die Patienten.

Kliniken und Medizinproduktehersteller sollten künftig Geschäfts- und Wertschöpfungspartner sein, um gemeinsam an der Optimierung der Versorgungsprozesse zu arbeiten und Lösungen für eine bessere Patientenversorgung zu entwickeln. Die Digitalisierung kann hierbei ein Accelerator für neue Geschäftsmodelle sein.

 

Fazit: Neue Geschäftsmodelle für Medizinprodukte

Die Medizintechnik-Branche befindet sich in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. Die Budgets für das Gesundheitswesen sinken und staatliche Zulassungsbehörden legen die Latte immer höher. Die Dienstleistung rund um das medizinische Gerät gewinnt immer mehr an Bedeutung. In Zukunft werden Patienten zudem für Medizinprodukte selbst bezahlen müssen. Bestehende Geschäftsmodelle müssen daher überdacht und neue Lösungen gefunden werden. Lesen Sie dazu auch unseren Beitrag „Innovative Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen“.

Trendsammlung Medizin

Daniel ZAPFL

Born in Graz, Austria. After positions as project manager & head of innovation of the project management at LEAD Innovation, Daniel Zapfl has been responsible for the success of the innovation projects of our innovation partners since January 2018.

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