de | en
Search:

LEAD Innovation Blog

Lesen Sie hier unsere neuesten Beiträge über Innovationsmanagement und Innovationen verschiedenster Branchen.

Datum: 12-Sep-2018
Autor: Michael PUTZ

Warum sich ein kompostierbarer BH nur gemeinsam entwickeln lässt

 

Wolford will im Herbst 2018 die ersten Produkte einer recyclingfähigen und kompostierbaren Wäschelinie auf den Markt bringen. Der Wäschehersteller mit Hauptsitz in Bregenz interpretiert Kreislaufwirtschaft dabei streng: Aus dem Recyclingprozess soll entweder ein Rohstoff entstehen, aus dem sich wieder Strümpfe, Höschen, BHs, Bodys und Wäsche fertigen lassen. Oder die Textilien verwandeln sich in fruchtbaren Kompost. Andreas Röhrich, Leiter der Entwicklungsabteilung, erzählt, warum sich ein solche Projekt besonders gut in Vorarlberg realisieren lässt, welche Hürden es noch zu überwinden gilt und warum ein kompostierbarer BH ganz besonders herausfordernd ist.

Frage: Wenn man jemanden erzählt, dass es in Vorarlberg viele Textilunternehmen gibt, die auch im Ländle produzieren, sind viele überrascht. Warum ist das aus Ihrer Sicht so?

Andreas Röhrich: Vorarlberg hat eine jahrhundertelange Historie. Viele Unternehmen haben sich sehr stark spezialisiert. Wolford zum Beispiel fokussiert auf hochwertigste Beinbekleidung und Wäsche. Im Ländle gibt es nach wie vor ein textiles Netzwerk. Für viele, völlig unterschiedliche Produkte ist die komplette Wertschöpfungskette in der Region vorhanden. Ein Beispiel: BHs bestehen aus 40 bis 50 Einzelkomponenten. Alles, was Sie für die Herstellung brauchen, ist im Umkreis von 30 Kilometer rund um Bregenz verfügbar. Vor einigen Jahren haben sich Textilunternehmer aus der Vierländerregion Bodensee zur Plattform Smart Textiles zusammengeschlossen.

Trendsammlung Textil

 

Frage: Hilft dieses Netzwerk nun bei Wolfords Ziel, recycling- und kompostierbare Wäsche und Strümpfe anzubieten?

Andreas Röhrich: Die Idee dazu entstammt einem internen Innovationsworkshop. Über die Smart Textiles Plattform, bei der Wolford auch Mitglied ist, haben wir dann über das Thema mit verschiedenen anderen Betrieben gesprochen. So etwas kann man nur gemeinsam machen. Wir sind ja auf Garne, Farbstoffe, Verschlüsse, Fäden und viele andere Produkte angewiesen. Um eine Innovation dieser Art realisieren zu können, ist es wichtig, die gesamte Wertschöpfungskette in der Nähe zu haben. Das ist bei uns der Fall. Wenn die Beteiligten über den ganzen Erdball verstreut sind, dann wird es schwierig. Nun beschäftigt sich ein Konsortium von zwölf Unternehmen mit dem Projekt. Gesteuert wird es von der Produktentwicklung von Wolford.

 

Frage: Wie ist es um die Umweltbilanz von Textilien und insbesondere Wäsche derzeit bestellt?

Andreas Röhrich: Wolford verarbeitet für seine Produkte zu 85 bis 90 Prozent synthetische, erdölbasierte Fasern. Dieser Rohstoff wächst nicht nach. Weil Textilien fast immer aus einer Mischung von verschiedenen Materialen bestehen, landen sie in der Regel auch im Restmüll. Selbst ein Hemd aus 100 Prozent Baumwolle besteht aus vielen verschiedenen Materialien. Denken Sie an die Knöpfe, an die Nähte und auch im Kragen sind andere Materialien eingearbeitet. Dieser Mix macht  Recycling komplex. Wolford hat sich jedenfalls zum Ziel gesetzt, die eigene Umweltbilanz zu verbessern. Dabei sind wir auf das Cradle to Cradle® Konzept gestoßen.

 

Fragen: Was kann man sich unter Cradle to Cradle®  - oder zu Deutsch „von der Wiege in die Wiege“ vorstellen? 

Andreas Röhrich: Cradle to Cradle® bedeutet, Produkte so zu designen, dass sie keinen Abfall verursachen und auch keinen negativen Einfluss auf die Umwelt ausüben. Um Cradle to Cradle® zu realisieren, gibt es nun zwei Möglichkeiten: Wir können das Produkt in den biologischen Kreislauf rückführen. So, dass es unter industriellen Bedingungen rückstandsfrei verrottet. Der andere Weg ist ein technischer Kreislauf. Dabei wird am Ende der Lebensdauer der Textilien das Polymer in Monomere zerlegt. Aus diesen lassen sich dann wieder neue Polymere herstellen. Kurzum: Beim technischen Kreislauf gewinnen Sie aus dem alten Produkt genau jene Faser, die Sie zu deren Herstellung zuvor verwendet haben.

 

Fragen: Wäsche wird damit also so recyclebar wie etwa PET-Flaschen?

Andreas Röhrich: Nein. Das ist kein Recyclingkreislauf, so wie wir ihn von Plastikflaschen kennen. Diese werden gesammelt und zu 80 Prozent verbrannt. Das hat zwar auch einen Nutzen, weil es der Gewinnung von Wärme dient. Bei dem Recycling von PET-Flaschen werden aber Rohstoffe verbraucht, die dann nicht mehr zur Verfügung stehen. Das ist beim Cradle-to-Cradle®-Konzept nicht der Fall. In unserem Falle steht am Ende entweder hochwertiger Humus oder Rohmaterial zur Verfügung, aus dem Sie wieder das gleiche Produkt herstellen können.

 

Fragen: Es gibt bereits einen Sportschuh, für den Kunststoffabfall aus dem Meer als Rohstoff dient. Auch Strümpfe aus ausgedienten Fischernetzen sind bereits zu haben. Wie unterschieden sich diese Konzepte von dem Ihren?

Andreas Röhrich: Beide von Ihnen erwähnte Produkte sind am Ende ihres Lebens wieder Restmüll. Das soll bei unseren Textilien nicht der Fall sein. Entweder Sie bekommen als Ergebnis hochwertigen Humus oder den Rohstoff für Garne, aus denen Sie wieder Wäsche herstellen können.

 

Fragen: Wann werden Sie Produkte auf den Markt bringen, die nach dem Cradle to Cradle®-Kreislaufmodell funktionieren?

Andreas Röhrich: Wir arbeiten an diesem Projekt nun drei Jahre und haben bereits erste Prototypen von Strumpfhosen, Höschen und BHs fertig. Wir werden eine gesamte Wäscheserie auf den Markt bringen. Im Herbst/Winter 2018 wollen wir die erste Strumpfhose anbieten können. Im Sommer 2019 ist dann eine kleine Kollektion aus Strumpfhose, Kniestrumpf, Body, Höschen und BH geplant. Unser Vision ist es, innerhalb von zehn Jahren die Hälfte unserer Produktion auf Kreislaufwirtschaft umzustellen. Dabei lassen wir aber keine Abstriche hinsichtlich Passform, Haltbarkeit oder Design zu. Wir wollen jedenfalls keine Ökoprodukte anbieten, die jucken und kratzen. Auch die in Kreislaufwirtschaft produzierten Textilien müssen alle Features mitbringen, für die Wolford bekannt ist.

 

Fragen: Gibt es noch Hürden zu überwinden, oder ist bereits alles auf Schiene?

Andreas Röhrich: Es gibt schon noch offene Fragen. Etwa wie wir wieder an unsere Produkte kommen, wenn diese ausgedient haben. Denn unsere Kundinnen müssen wissen, welche Textilien sie am Ende der Lebensdauer retournieren können. Wäsche zurückzubringen ist auch eine etwas heiklere Angelegenheit, als Altglas oder PET-Flaschen zu retournieren. Um diese Frage zu klären, haben wir gemeinsam mit der FH Vorarlberg eine Umfrage unter unseren Kundinnen gemacht. Wir haben 3.000 Rückmeldungen bekommen. Etwa 80 Prozent gaben dabei ein, Wäsche „sicher“ oder zumindest „wahrscheinlich“ zurückzubringen. Dieses erfreuliche Ergebnis hat uns in unserer Entscheidung bestärkt.

 

Fragen: Technisch ist bereits alles geklärt? 

Andreas Röhrich: Die Kompostierung dauert momentan noch etwas zu lange. In Österreich ist das Kompostieren von Bekleidung nicht erlaubt. Einfach deshalb, weil es nicht funktioniert. Es werden aber gerade Studien durchgeführt, die belegen, dass man das industriell gesichert machen kann. Es ist also auch noch ein Umdenken des Gesetzgebers notwendig.

 

Fragen: Werden dann künftig Wolford-Kundinnen ihre Unterwäsche einfach auf den eigenen Komposthaufen werfen können und daraus Gartenerde gewinnen?

Andreas Röhrich: Nein. Am Komposthaufen im eigenen Garten funktioniert der Prozess nicht. Beim derzeitigen Entwicklungsstand benötigen Sie 60 Grad Wärme, damit das Material verrottet. Eine solche Temperatur erreichen Sie auf Ihrem Komposthaufen hinter dem Haus allerdings nicht. Dieser Prozess muss industriell erfolgen. Die Kompostierung haben wir gemeinsam mit einem regionalen Abfallverwerter getestet und sie hat funktioniert.

 

Fragen: Am Projekt arbeiten ja insgesamt 12 Unternehmen mit. Arbeitetet Wolford immer mit so vielen Partnern zusammen, wenn es um Innovationen geht?

Andreas Röhrich: Nein. Für uns ist ein Projekt dieser Größenordnung auch eine Premiere. Wir haben beim Entwickeln von Innovationen schon in der Vergangenheit mit anderen Firmen kooperiert. Etwa wenn besondere Maschinen oder spezielle Garne notwendig sind, um etwas Neues zu kreieren.

 

Frage: Welche Auswirkung wird die recycle- und kompostierbare Wäschelinie auf die Branche haben?

Andreas Röhrich: Wir als Wolford können nicht die Welt verändern. Wir verbrauchen etwa 400 Tonnen Garn pro Jahr. Weltweit gesehen ist diese Menge verschwindend klein. Wir gehen aber davon aus, dass auch andere auf dieses Kreislaufmodell setzen werden. Denn ist das Konzept einmal realisiert, sind die Kosten der Produktion nicht wesentlich höher als bisher. Die Textilien werden ja nicht das Dreifache kosten. Deshalb glauben wir, dass sich die Art des Wirtschaftens bereits in den nächsten 10 Jahren wandeln kann.

 

Frage: Eine letzte Frage noch: Warum steht eigentlich ein kompostierbarer BH im Mittelpunkt dieses Projekts?

Andreas Röhrich: Der BH ist so ziemlich das komplexeste textile Produkt. Er besteht, wie eingangs erwähnt, aus 40 bis 50 Einzelteilen. Für die Produktion sind 20 bis 25 Halbfertigprodukte notwendig. Wenn es uns gelingt, einen BH kompostierbar zu machen, dann können wir auch alle übrigen Teile unseres Sortiments umstellen. Zudem erzeugt das Produkt mediale Aufmerksamkeit. Die Frage „Was macht mein BH im Salat?“ macht eben neugierig.

 

Danke für das Gespräch! 

ad Personam:

Andreas Röhrich

Andreas Röhrich ist Director Product Development/Textile Sourcing bei  Wolford AG. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Bregenz beschäftigt zirka 1570 Mitarbeiter und vertreibt seine Produkte in 60 verschiedenen Ländern.

Das 1950 gegründete Unternehmen stellt Strumpfhosen, Bodys und Wäsche sowie Damenoberbekleidung und Accessoires im obersten Preissegment her.

Case Study Innovationsstrategie

Michael PUTZ

Born in the Salzkammergut. After working for Shell and Porsche, he concentrated on innovation management as a study assistant at the Innovation Department of the Vienna University of Economics and Business Administration. In 2003 he founded LEAD Innovation and manages the company as Managing Partner. Lectures at MIT, in front of companies like Google or NASA.

Sie möchten mit uns arbeiten?

Gerne beraten wir Sie über eine mögliche Zusammenarbeit, um auch Ihr Innovationsmanagement zukunftssicher zu gestalten.

jetzt kontaktieren