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LEAD Innovation Blog

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Datum: 11-Apr-2019
Autor: Elena KRAFFT

Warum Zeitmangel und Kostendruck im Gesundheitswesen teuer werden können

 

Gerade einmal 5 Minuten Zeit kann sich ein Hausarzt in Österreich durchschnittlich für einen Patienten nehmen. Der Grund dafür liegt im Ärztemangel und dem Kostendruck. Lesen Sie in diesem Blogbeitrag, warum der Fokus auf Effizienz im Gesundheitswesen nicht nur die Qualität der medizinischen Versorgung senkt, sondern letztendlich für die ganze Gesellschaft teuer werden kann.

Um eine Krankheit erfolgreich behandeln zu können, ist es notwendig, den Grund dafür zu kennen. Ein wichtiger Teil jedes Besuchs beim praktischen Arzt ist deshalb die Anamnese. Darunter ist das professionelle Erfragen von möglicherweise medizinisch relevanten Informationen durch medizinisches Fachpersonal zu verstehen. Die Anamnese ist also eine wichtige Basis für die Diagnose, auf deren Grundlage dann der Mediziner eine Therapie verordnen kann.

Trendsammlung Medizin

 

Solche Gespräche brauchen Zeit. Davon haben Allgemeinmediziner aber reichlich wenig, wie das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtet: So zeigt eine Metaanalyse von 178 Studien aus 67 Ländern, dass ein durchschnittlicher Arztbesuch in Österreich gerade einmal 5 Minuten dauert. Zum Vergleich: Äthiopischen Ärzten steht laut dieser Studie eine ebenso lange Zeit mit ihren Patienten zur Verfügung, Schweden rangiert mit 22,5 Minuten vor den USA mit 21,07 Minuten an der Spitze. In Bangladesch kann ein Allgemeinmediziner lediglich 48 Sekunden pro Patient aufbringen.

 

Deutsche Patienten wünschen sich vom Arzt mehr Zeit

Deutsche Ärzte haben mit 7,6 Minuten um etwa 50 % mehr Zeit für ihre Patienten als österreichische. Dennoch schätzt die dortige Bevölkerung diese Dauer als zu gering ein. Wie das Healthcare Barometer 2018 von PwC Deutschland zeigt, ist diese Dauer 45 % der Befragten einfach zu kurz. Ein Jahr davor betrug der Anteil der Unzufriedenen noch 40 %. Dabei sind die Deutschen mit ihrem Gesundheitssystem insgesamt durchaus zufrieden. Für knapp 60 % zählt es immerhin zu den drei besten der Welt.

 

Mehr Patienten bevölkern immer weniger Spitäler immer kürzer

Zunehmender Kostendruck und Ärztemangel führen aber nicht nur dazu, dass Hausärzte immer weniger Zeit für den einzelnen Patienten haben. Auch die Aufenthaltszeit in den Spitälern sinkt. Wie Der Spiegel berichtete, dauerte der durchschnittliche Aufenthalt in einer deutschen Klinik im Jahr 2015 nur noch halb so lange, wie im Jahr 1991. Die Anzahl der Kliniken sowie der Spitalsbetten nahm im gleichen Zeitraum um grob gerechnet ein Viertel ab. Die Anzahl der vollstationären Aufenthalte stieg indes von über 14,5 Millionen im Jahr 1991 auf mehr als 19 Millionen im Jahr 2014.

 

Wenn Spitalsärzte zu Maschinen werden

Dass dieser Trend zum Kurzaufenthalt und der Kostendruck seine Schattenseiten haben können, zeigt beispielsweise ein Beitrag eines Arztes des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien (AKH) in der Tageszeitung Der Standard. Der Mediziner, der anonym bleiben will, berichtet vom Zwang, Patienten im Krankenhaus hocheffizient wie auf einem Fließband abarbeiten zu müssen. Zeit für ein Gespräch mit den Angehörigen eines eben erst Verstorbenen bleibt da kaum noch. Denn die nächste Reanimation steht bereits an und die Patienten in der Ambulanz warten auch schon seit 3 Stunden. "Nach 24 Stunden gehe ich endlich nach Hause, mit der Angst, Menschen Schaden zugefügt zu haben, obwohl es mein Traum war, das Gegenteil zu tun", schreibt der Spitalsarzt in seinem Beitrag wörtlich und verweist auf die neunstündige Ruhezeit eines LKW-Fahrers, die dieser spätestens nach 15 Stunden Arbeit einlegen muss.

 

Leistungsorientiertes Vergütungssystem zwingt zu wirtschaftlichem Handeln

Wie wichtig der Fokus auf Kosten und Effizienz in Krankenhäusern geworden ist, zeigt eine Aussage von Günther Jonitz, Präsident der  Berliner Ärztekammer gegenüber der Frankfurter Rundschau: "Ein Krankenhaus gefährdet seine Existenz heute stärker, wenn es schlechte wirtschaftliche Leistungen erbringt, als wenn es schlechte Medizin macht." Verantwortlich dafür wären die Einführung der Diagnosis Related Groups (DRG)- zu deutsch Fallkostenpauschale. Diese bildet die Grundlage für ein leistungsorientiertes Vergütungssystem für die allgemeinen Krankenhausleistungen und ist seit 1. Jänner 2004 für alle deutschen Krankenhäuser verbindlich. Das neue Entgeltsystem ordnet jeder Diagnose einen Preis zu. Die Krankenkassen bezahlen nicht mehr jeden Tag, den ein Patient im Krankenhaus verbrauchte.

DRG hat auch ein neues Berufsbild entstehen lassen: den Medizincontroller. Dieser Mediziner verfügt über eine betriebswirtschaftliche Zusatzqualifikation und achtet darauf, dass der Krankenhausbetrieb stärker an wirtschaftlichen Erfordernissen ausgerichtet wird. Die Kliniken geraten damit unter Druck, möglichst viele Patienten aufzunehmen und selbst lukrative Operationen durchzuführen. Wie die Frankfurter Rundschau weiter berichtet, würden auch viele Chefärzte inzwischen zu wirtschaftlichen Zielen verpflichtet  werden oder deren erfolgsabhängige Bezahlung nach Durchführung einer Mindestmenge an Operationen bemessen. Ein erfahrener Chefarzt der Chirurgie meinte gegenüber der deutschen Tageszeitung wörtlich: "Wenn ein Arzt von 150 geplanten Wirbelsäuleneingriffen pro Jahr bis September erst die Hälfte geschafft hat, dann kann er schon auf die Idee kommen, einen Patienten zu operieren, den er sonst noch zwei bis drei Wochen zur Krankengymnastik geschickt hätte."

 

Das Beste fürs Krankenhaus ist nicht immer das Beste für den Patienten

Patientenwohl und betriebswirtschaftliches Denken lassen sich also nicht immer vereinen. Der Verdacht, dass Krankenhäuser aus ökonomischen Gründen medizinisch nicht notwendige Leistungen erbringen, liegt nahe und ist nicht unbegründet: Schließlich wird in Deutschland mehr operiert als in den meisten anderen europäischen Ländern. In Österreich gibt es die "leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung" (LKF) übrigens schon seit 1997. Verdachtsfälle, dass einzelne Spitäler mehr Operationen durchführen  als nötig, gibt es auch in der Alpenrepublik. Doch nicht nur Kliniken werden verdächtigt, unnötige medizinische Leistungen zu erbringen, um damit Einkünfte zu lu­k­rie­ren. Auch niedergelassenen Ärzten wird bisweilen vorgeworfen, sowohl Pflichtversicherten als auch Privatpatienten teure Leistungen aufzuschwatzen, die wenig bis nichts bringen.

 

Ärzte und Spitäler werden zu Dienern zweier Herren

Ein System, das so wie das LKF in Österreich und das DRG in Deutschland medizinische Einzelleistungen honoriert und nicht auf den gesunden Menschen als Ganzes ausgerichtet ist, fördert aber die kritisierten Praktiken von Krankenhäusern und Ärzten. Denn beide sind dadurch die Diener zweier Herren: Sie müssen einerseits ihren Patienten die bestmögliche Therapie bieten. Andererseits werden sie zu unternehmerischem Handeln angehalten und sind natürlich bestrebt, mit dem für sie geringsten Mitteleinsatz die größtmöglichen Erlöse zu erzielen.

Natürlich muss eine Gesellschaft als Ganzes auch immer die Kosten für ihr Gesundheitssystem im Griff behalten. Doch gerade die leistungsorientierte Abrechnung von medizinischen Einzelleistungen könnte dazu führen, dass die Gesundheitskosten insgesamt höher ausfallen. Weil eben Operationen durchgeführt werden, die eigentlich unnötig wären. Weil Hausärzte, die kaum Zeit haben, dem Patienten zuzuhören und seine Krankengeschichte zu erkunden, eher zu Fehldiagnosen neigen oder ihre Patienten gleich zu teuren Fachärzten senden. Beides führt am Ende dazu, dass entweder die Patienten nicht ganz gesund werden und weiter behandelt werden müssen. Oder dass der Weg zur Gesundheit länger und damit teurer wird, als nötig.

 

Fazit: Warum Zeitmangel und Kostendruck im Gesundheitswesen teuer kommen können

Es liegt in der Natur jedes Menschen, ja jedes Lebewesens, mit dem geringst möglichen Mitteleinsatz das Maximum zu erreichen. Wenn ein System Leistung nicht honoriert, dann ist es automatisch ineffizient. Eine leistungsorientierte Vergütung im Gesundheitswesen ist per se also nichts Schlechtes. Probleme verursacht es aber dann, wenn man nur Teile oder überhaupt das Falsche honoriert: Ein neues Hüftgelenk einzusetzen ist zwar komplex, aber nur ein Teil der Lösung, die sich ein Patient vom Gesundheitssystem erwartet. Der will sich nämlich möglichst beschwerdefrei wieder bewegen können. Und genau dafür sollte das Gesundheitswesen die Mediziner und Therapeuten auch bezahlen.

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Elena KRAFFT

Born in Essen, Germany and raised in Münster, Germany. At LEAD Innovation she works as an Innovation Manager and is therefore responsible for the successful handling of projects.

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